Verbindungen, die fehlen: Wie Veränderungen unserer sozialen Netzwerke in der Pandemie zu Einsamkeit beigetragen haben – LoneCovid 3

Die COVID-19-Pandemie hatte neben vielen Veränderungen im Alltag auch tiefgreifende Auswirkungen auf unsere sozialen Netzwerke: Viele persönliche Kontakte fielen weg, während andere neu entstanden – ein Umstand, der nicht unerheblich für unser Wohlbefinden und insbesondere unser Einsamkeitsempfinden war. Welche Veränderungen in unseren Beziehungen haben Einsamkeit verstärkt, und welche Verbindungen helfen, sie abzufedern? Dieser Artikel beleuchtet anhand von Daten aus Deutschland, wie sich soziale Netzwerke während der Pandemie verändert haben und welche Rolle die Qualität unserer Beziehungen für das Einsamkeitsempfinden spielt.
The COVID-19 pandemic brought, alongside many changes in daily life, profound effects on our social networks: Many personal contacts were lost, while others emerged—a development that significantly impacted our well-being and, in particular, our experience of loneliness. Which changes in our relationships increased feelings of loneliness, and which connections helped buffer them? Based on data from Germany, this article explores how social networks shifted during the pandemic and highlights the crucial role of relationship quality in shaping experiences of loneliness.
DOI: 10.34879/gesisblog.2025.108
Die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie haben den Kontakt zu Freund:innen, Familienmitgliedern und anderen wichtigen Menschen in unserem persönlichen sozialen Netzwerk stark erschwert. Viele von ihnen konnten wir über längere Zeiträume entweder nur eingeschränkt oder gar nicht persönlich treffen. Ein eingeschränkter Kontakt muss nicht zwangsläufig negative Auswirkungen auf uns haben, wird allerdings dann problematisch, wenn er mit dem Gefühl von Einsamkeit einhergeht – einem Gefühl, das vielen von uns nicht fremd ist.1
Schon vor der Pandemie galt Einsamkeit als wachsendes gesellschaftliches Problem.2 Durch die Kontaktbeschränkungen während der Krise rückte das Thema jedoch noch stärker in den Fokus. In unseren vorherigen Blog-Artikeln haben wir erläutert, was persönliche soziale Netzwerke sind und wie sich diese während der COVID-19 Pandemie verändert haben. Nun stellt sich die Frage: Wie wirken sich diese Veränderungen auf das Einsamkeitsempfinden nach der Krise aus? Dieser Frage widmen wir uns in diesem Beitrag.
Einsamkeit – was ist das eigentlich?
Einsamkeit ist ein unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn unsere sozialen Beziehungen nicht den Erwartungen an Nähe, Unterstützung oder Verbundenheit entsprechen, die wir an sie haben.3 Dabei kann sowohl die Quantität der Beziehungen (z.B. die Empfindung, zu wenige Freund:innen zu haben) als auch ihre Qualität eine Rolle spielen (z. B. “Ich habe viele Freund:innen, fühle mich aber nicht ausreichend unterstützt.“). Hält Einsamkeit über einen längeren Zeitraum an, kann sie erhebliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit haben. Sie erhöht unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und sogar die Sterblichkeit.4 Zudem kann sie zu Depressionen, Angstzuständen und einem verringerten allgemeinen Wohlbefinden führen.5 Die Frage, inwiefern eine Krise wie die COVID-19 Pandemie Einsamkeitsgefühle verstärken kann, ist also von großer Bedeutung und genau hier setzt das LoneCovid-Projekt an.
Einsamkeit als Folge veränderter sozialer Rahmenbedingungen
Zahlreiche Studien zeigen, dass die wahrgenommene Qualität sozialer Beziehungen während der Pandemie abgenommen hat6 und Einsamkeitsgefühle häufiger auftraten7. Doch die Auswirkungen der Pandemie auf unsere sozialen Beziehungen sind komplex. Wie wir in unserem letzten Beitrag berichteten, erlebten viele Menschen während der Pandemie sowohl Verluste als auch Zugewinne in ihren Netzwerken. Auffällig war, dass insbesondere die Zahl der Arbeitskontakte zunahm, während Freundschaftsbeziehungen tendenziell abnahmen. Als krisensicher erwiesen sich dabei vor allem die engsten Beziehungen, während Beziehungen mittlerer Intensität (also bedeutungsvolle, aber weniger intensive Beziehungen) sowie lose Bekanntschaften häufiger wegfielen. Bemerkenswert ist außerdem, dass rund 68 % der verlorenen Kontakte als unterstützend beschrieben wurden – eine Funktion, die für unser Wohlbefinden enorm wichtig ist. Doch wie wirken sich diese Veränderungen auf das Einsamkeitsempfinden nach der Krise aus? Um diese Frage zu beantworten, haben wir im LoneCovid-Projekt neben den persönlichen Netzwerken auch die wahrgenommene Einsamkeit der Befragten untersucht. Abbildung 1 illustriert, wie sich Netzwerkverluste und -zugewinne – abhängig von der Beziehungsnähe – auf das Einsamkeitsempfinden auswirkten.

Verlust von Beziehungen: Qualität zählt mehr als Anzahl
Unsere Analysen zeigen zunächst: Der Verlust sozialer Beziehungen führt nicht automatisch zu mehr Einsamkeit. Entscheidend ist vielmehr die Qualität der verlorenen Beziehungen (siehe Abbildung 1). Der Wegfall lockerer oder weniger enger Kontakte scheint das Einsamkeitsempfinden kaum zu beeinflussen. Wer jedoch enge und unterstützende Beziehungen verloren hat, spürt diesen Verlust deutlich stärker – er trägt spürbar zu einem stärkeren Einsamkeitsgefühl bei. Die gute Nachricht dabei ist, dass ein insgesamt starkes Unterstützungsnetzwerk – also ein persönliches Umfeld, in dem man emotionale, praktische oder finanzielle Unterstützung erhält – dabei helfen kann, diesen Schmerz zumindest teilweise abzufedern.
Neue Kontakte und die Rolle der Beziehungsqualität: Warum mehr nicht immer besser ist
Viele Menschen haben während der Pandemie auch neue Kontakte geknüpft – etwa über Online-Plattformen, virtuelle Veranstaltungen oder andere digitale Kommunikationswege. Wie unsere Ergebnisse zeigen, handelte es sich dabei häufig um berufliche Kontakte. Auf den ersten Blick könnte man erwarten, dass neue Kontakte Einsamkeit lindern. Doch die Daten zeigen zunächst das Gegenteil; der Gewinn neuer Kontakte war mit einem höheren Einsamkeitsempfinden verbunden.
Wenn man den Grad der Beziehungsnähe berücksichtigt, wird deutlich, dass besonders neu entstandene Beziehungen mittlerer Intensität – also bedeutungsvolle, aber nicht sehr enge Verbindungen — ausschlaggebend sind. Solche Beziehungen können Einsamkeit sogar verstärken. Warum? Beziehungen mittlerer Nähe wecken oft emotionale Erwartungen – etwa nach Zugehörigkeit, Unterstützung oder sozialer Resonanz –, die jedoch nicht im gleichen Maß erfüllt werden. Es fehlt die Vertrautheit und Verlässlichkeit enger Freundschaften, gleichzeitig erfordern sie mehr emotionale Investition als lose Bekanntschaften. Dieser Zwischenstatus kann ein Gefühl sozialer „Halbdistanz“ erzeugen: Man ist zwar nicht allein, fühlt sich aber dennoch nicht wirklich verbunden. Gerade während der Pandemie, als tiefergehende Beziehungsentwicklung erschwert war, könnten solche Kontakte daher eher das Fehlen echter Nähe verdeutlichen und Einsamkeit sogar verstärkt haben.
Qualität über Quantität – was wir daraus lernen können
Was können wir aus diesen Ergebnissen lernen? Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Qualität unserer sozialen Beziehungen. Die Ergebnisse des LoneCovid-Projekts zeigen klar: Soziale Verluste führen nicht pauschal zu Einsamkeit – ausschlaggebend ist, wer verloren geht. Der Wegfall enger und unterstützender Beziehungen wirkt sich besonders negativ aus, während ein starkes, unterstützendes Netzwerk diese Verluste zumindest teilweise abmildern kann. Gleichzeitig wird deutlich, dass neue Kontakte nicht automatisch vor Einsamkeit schützen. Insbesondere neu geknüpfte Beziehungen mittlerer Nähe können paradoxerweise das Gefühl von Einsamkeit sogar verstärken, weil sie soziale Erwartungen wecken, die oft unerfüllt bleiben, und das Fehlen tiefer Verbundenheit betonen.
Die Pandemie hat unsere sozialen Strukturen tiefgreifend verändert – oft, ohne dass wir die langfristigen Folgen sofort abschätzen konnten. Unsere Analysen zu den Folgen für das Einsamkeitsempfinden nach der Pandemie machen dabei vor allem eins deutlich: Nicht die Anzahl, sondern die emotionale Tiefe, Qualität und Verlässlichkeit unserer Beziehungen schützt uns vor Einsamkeit. Es sind nicht viele oberflächliche Kontakte, die uns durch schwierige Zeiten tragen, sondern stabile, vertrauensvolle und unterstützende Beziehungen. Darin liegt der Schlüssel zu sozialer Resilienz – in Krisenzeiten ebenso wie darüber hinaus.
Wenn ihr mehr über die Ergebnisse des LoneCovid-Projekts erfahren möchtet, besucht uns gerne hier.
Das LoneCovid-Projekt
Das LoneCovid-Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), erforscht die Veränderungen persönlicher sozialer Netzwerke während der COVID-19-Pandemie. Die Studie basiert auf einer stratifizierten Stichprobe von 961 Teilnehmenden des GESIS Panels und analysiert unter anderem, welche Kontakte verloren gingen und welche neu entstanden. Erste Ergebnisse zeigen, dass enge Beziehungen weitgehend stabil blieben, während der Kontakt zu weniger engen Bekannten oft abbrach und berufliche Kontakte zunahmen. Mehr Informationen dazu finden sich auf unserer Webseite:
References
- Schobin, J. (2018). Vereinsamung und Vertrauen – Aspekte eines gesellschaftlichen Problems.
- Ell, T., Maehler, D. B., Repke, L., & Momeni, F. (2025). Loneliness: A Scoping Review of Reviews From 2001 to 2023. The Journal of psychology, 159(8), 764–792. https://doi.org/10.1080/00223980.2025.2462632
- Perlman, D., & Peplau, L. (1981). Toward a social psychology of loneliness. In R. Gilmour & S. Duck (Eds.), Personal relationships in disorder (pp. 31–56). Academic Press.
- Cacioppo, J. T., Hawkley, L. C., Crawford, L. E., Ernst, J. M., Burleson, M. H., Kowalewski, R. B., Malarkey, W. B., Van Cauter, E., & Berntson, G. G. (2002). Loneliness and health: Potential mechanisms. Psychosomatic Medicine, 64(3), 407–417. https://doi.org/10.1097/00006842-200205000-00005
- Hawkley, L. C., & Cacioppo, J. T. (2010). Loneliness matters: A theoretical and empirical review of consequences and mechanisms. Annals of Behavioral Medicine, 40(2), 218–227. https://doi.org/10.1007/s12160-010-9210-8
- Buecker, S., & Horstmann, K. T. (2021). Loneliness and Social Isolation During the COVID-19 Pandemic: A Systematic Review Enriched With Empirical Evidence From a Large-Scale Diary Study. European Psychologist, 26(4), 272–284. https://doi.org/10.1027/1016-9040/a000453
- Ernst, M., Niederer, D., Werner, A. M., Czaja, S. J., Mikton, C., Ong, A. D., Rosen, T., Brähler, E., & Beutel, M. E. (2022). Loneliness before and during the COVID-19 pandemic: A systematic review with meta-analysis. The American psychologist, 77(5), 660–677. https://doi.org/10.1037/amp0001005
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