Verbindungen in der Krise? Wie die COVID-19-Pandemie unsere persönlichen Netzwerke verändert hat – LoneCovid 2

Die COVID-19-Pandemie hat unser Zusammenleben auf eine harte Probe gestellt: Die politischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gingen mit veränderten Rahmenbedingungen für soziales Miteinander einher. Was hat das mit unseren persönlichen Netzwerken gemacht? Welche Beziehungen haben wir in dieser Zeit verloren, welche neu geknüpft – und was sagt das über die Stabilität unserer sozialen Bindungen aus? Auf Grundlage von Daten aus Deutschland zeigt dieser Artikel, wie sich unsere sozialen Verbindungen während der Krise verändert haben – und was wir daraus für zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen lernen können.
The COVID-19 pandemic put our social lives to the test: The political measures to contain the virus brought about changed conditions for social interaction. What did this do to our personal networks? Which relationships did we lose, which ones did we form—and what does that say about the stability of our social ties? Based on data from Germany, this article explores how our social connections shifted during the crisis—and what we can learn from it for future societal challenges.
DOI: 10.34879/gesisblog.2025.99
Soziale Beziehungen sind nicht nur essenziell für das Funktionieren unserer Gesellschaft, sondern auch für unser individuelles Wohlbefinden: Sie beeinflussen unsere Einstellungen und Verhaltensweisen, unsere mentale und körperliche Gesundheit – und sogar unsere Resilienz, also die Fähigkeit, belastende Lebensumstände gut zu meistern 1 2. Alle Beziehungen zusammengenommen ergeben unser persönliches soziales Netzwerk (was dieses ausmacht, haben wir im ersten Blogartikel beschrieben). Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie und den damit einhergehenden politischen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Ausgangssperren veränderten sich die Bedingungen für soziale Interaktionen jedoch grundlegend. Über zweieinhalb Jahre hinweg wurden persönliche Begegnungen auf ein Minimum reduziert, und viele alltägliche Aktivitäten verlagerten sich plötzlich ins Digitale. Doch was bedeutet solch ein sozialer Ausnahmezustand für unsere Beziehungen und für das persönliche soziale Netzwerk, das uns eigentlich stützt? Welche Verbindungen sind verloren gegangen, welche neu entstanden? Und welche Lehren lassen sich für zukünftige Krisen ziehen?
Was sagen internationale Studien?
Mit Beginn der Pandemie haben sich Wissenschaftler:innen international damit beschäftigt, wie sich die Pandemie auf unsere persönlichen sozialen Netzwerke auswirkte. Studien aus den USA, Kanada und den Niederlanden zeigen, dass die Gesamtgröße der Netzwerke schrumpfte, insbesondere weil emotionale und praktische Unterstützer:innen wegfielen 3 4 5 6. Gleichzeitig nahm die Zahl der informellen Unterstützer:innen zu, also derjenigen, mit denen wir hauptsächlich Informationen austauschen. Besonders auffällig war, dass die engsten Beziehungen, vor allem innerhalb der Familie, stärker wurden, während der Kontakt zu Bekannten abnahm 7 8 9.
Wie sieht es im deutschen Kontext aus?
Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte LoneCovid-Projekt untersucht diese Dynamiken im deutschen Kontext. Auf Grundlage einer retrospektiven Befragung von 159 Teilnehmenden des GESIS Panels – einer repräsentativen Langzeitstudie der erwachsenen deutschsprachigen Wohnbevölkerung in Deutschland, auch bekannt als GESIS GesellschaftsMonitor – wurde untersucht, welche sozialen Kontakte in der Pandemie verloren gingen und welche neu entstanden sind.
Erste Ergebnisse zeigen, dass zwar einige Kontakte abgebrochen sind, gleichzeitig aber auch neue Kontakte geknüpft wurden – trotz der bestehenden sozialen Einschränkungen. So erlebten 63 % der Befragten den Verlust bestehender Beziehungen, während 79 % der Befragten von neuen Beziehungen berichten. Auch die durchschnittliche Zahl neu gewonnener Beziehungen (M = 3,8) übertraf dabei deutlich die der verlorenen (M = 2,5). Besonders jüngere Erwachsene (20–40 Jahre) und Frauen berichteten von stärkeren Veränderungen in ihren sozialen Netzwerken. Ein genauer Blick auf Art und Qualität (Nähegrad und Unterstützungsfunktion) der Beziehungen offenbart spannende Unterschiede.

Welche Beziehungen gingen verloren und warum?
Am häufigsten betroffen waren Freundschaften – ca. doppelt so oft wie Arbeitskontakte oder Familienbeziehungen. Freundschaften scheinen demzufolge besonders anfällig für pandemiebedingte Einschränkungen gewesen zu sein (siehe Abbildung 1). Neben der Art der Beziehung ist auch der Nähegrad der verlorenen Beziehungen aufschlussreich. Vor allem haben Beziehungen mittlerer (= bedeutungsvolle, aber weniger intensive Beziehungen) sowie schwacher Bindung (= eher lockere Beziehungen) gelitten. Beziehungen zu engen Bezugspersonen blieben dagegen meist erhalten. Dennoch wurden 68 % der verlorenen Beziehungen als unterstützend wahrgenommen. Es gingen also nicht nur oberflächliche, sondern auch bedeutsame Beziehungen verloren.

Ein differenzierter Blick auf die Gründe dieser Verluste zeigt (siehe Tabelle 1): Der am häufigsten genannte Grund für einen Kontaktabbruch war das Hinscheiden der Person (28 %). In 16 % der Fälle zog die andere Person weg – meist jedoch unabhängig von der Pandemie (nur 3 % dieser Fälle wurden als COVID-bedingt angegeben). Meinungsverschiedenheiten führten in 14 % der Fälle zum Beziehungsabbruch. Fast die Hälfte (49 %) dieser Streitigkeiten wurden auf Konflikte im Kontext der Pandemie zurückgeführt. 12 % der Beziehungen endeten ohne einen spezifischen Grund, wobei auch hier 10 % der Fälle als COVID-bezogen benannt wurden. Diese Zahlen machen deutlich, dass neben Todesfällen und persönlichen Umständen auch gesellschaftliche Spannungen während der Pandemie zu einem spürbaren Rückgang sozialer Bindungen geführt haben.
Welche neuen Beziehungen entstanden?
Die während der Pandemie neu geknüpften Beziehungen entstanden am häufigsten im Arbeitskontext, während neue Freundschaften oder andere Bindungen deutlich seltener genannt wurden (siehe Abbildung 1). Diese neuen Kontakte wurden meistens als schwache Bindungen eingeordnet, gefolgt von mittleren Bindungen. Starke Bindungen entstanden kaum neu – offenbar, weil sie besonders viel persönlichen Austausch und Vertrauen benötigen, was unter Pandemiebedingungen schwer aufzubauen war. Hinzukommt, dass die Entwicklung solcher Beziehungen auch Zeit benötigt. Nur rund 44 % der neu gewonnenen Kontakte wurden als unterstützend erlebt – deutlich weniger als bei den verlorenen.
Was lernen wir daraus für zukünftige Krisen?
Die Ergebnisse des LoneCovid-Projekts stehen im Einklang mit den internationalen Befunden:
- Enge, starke Beziehungen blieben während der Pandemie weitgehend stabil und verändern sich nur wenig.
- Freundschaften, mittlere und schwächere Bindungen litten besonders.
- Neue Beziehungen entstanden vor allem im beruflichen Umfeld.
- Es gingen deutlich mehr unterstützende Beziehungen verloren als neu hinzugewonnen wurden.
- Spannungen in der Gesellschaft, etwa über den Umgang mit COVID-19-Maßnahmen, hatten reale Auswirkungen auf die Netzwerke und führten nicht selten zum Abbruch bestehender Beziehungen.
Die Pandemie hat uns gezeigt, wie verletzlich soziale Netzwerke sein können und wie wichtig es ist, sie zu pflegen und zu schützen. Für den Umgang mit zukünftigen Krisen bedeutet dies, dass die soziale Komponente nicht vergessen werden darf. Es ist essenziell, soziale Resilienz gezielt zu stärken – beispielsweise durch verlässliche Strukturen, digitale und analoge Austauschmöglichkeiten sowie durch Förderung von Empathie und Dialog. Gerade gesellschaftliche Polarisierung kann reale Schäden an sozialen Beziehungen verursachen. Dem gilt es frühzeitig entgegenzuwirken, um langfristige negative Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu verhindern.
Im nächsten Blogartikel werfen wir einen Blick darauf, wie sich diese Veränderungen auf Einsamkeitsgefühle nach der Pandemie auswirken. Bleibt also dabei! Aktuelle Informationen zum LoneCovid-Projekt findet ihr hier.
Das LoneCovid-Projekt
Das LoneCovid-Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), erforscht die Veränderungen persönlicher sozialer Netzwerke während der COVID-19-Pandemie. Die Studie basiert auf einer stratifizierten Stichprobe von 961 Teilnehmenden des GESIS Panels und analysiert unter anderem, welche Kontakte verloren gingen und welche neu entstanden. Erste Ergebnisse zeigen, dass enge Beziehungen weitgehend stabil blieben, während der Kontakt zu weniger engen Bekannten oft abbrach und berufliche Kontakte zunahmen. Mehr Informationen dazu finden sich auf unserer Webseite: Webseite LoneCovid-Projekt
References
- Nitschke, J. P., Forbes, P. A. G., Ali, N., Cutler, J., Apps, M. A. J., Lockwood, P. L., & Lamm, C. (2021). Resilience during uncertainty? Greater social connectedness during COVID‐19 lockdown is associated with reduced distress and fatigue. British Journal of Health Psychology, 26(2), 553–569. https://doi.org/10.1111/bjhp.12485
- Rodriguez-Llanes, J. M., Vos, F., & Guha-Sapir, D. (2013). Measuring psychological resilience to disasters: Are evidence-based indicators an achievable goal? Environmental Health: A Global Access Science Source, 12(1), 1–10. https://doi.org/10.1186/1476-069X-12-115
- Bierman, A., Upenieks, L., & Schieman, S. (2021). Socially Distant? Social Network Confidants, Loneliness, and Health during the COVID-19 Pandemic. Social Currents, 8(4), 299-313. https://doi.org/10.1177/23294965211011591
- Kovacs, B., Caplan, N., Grob, S., & King, M. (2021). Social Networks and Loneliness During the COVID-19 Pandemic. Socius, 7. https://doi.org/10.1177/2378023120985254
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- Völker B. (2023). Networks in lockdown: The consequences of COVID-19 for social relationships and feelings of loneliness. Social Networks, 72, 1–12. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2022.08.001
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