Verbindungen, die zählen: Was persönliche Netzwerke sind und wie sie unser Leben beeinflussen – LoneCovid 1

Jeder Mensch ist Teil eines persönlichen sozialen Netzwerks – oft ohne es bewusst wahrzunehmen. Die darin enthaltenen Beziehungen beeinflussen, wie wir denken, fühlen und handeln. Sie geben Halt in schwierigen Zeiten, eröffnen neue Perspektiven und tragen zu unserer körperlichen und mentalen Gesundheit bei. Doch wie sehen solche Netzwerke aus, woraus bestehen sie und warum verändern sie sich im Laufe des Lebens? In diesem Teil der Artikelreihe betrachten wir die Struktur und Bedeutung persönlicher Netzwerke – und warum sie für unser Wohlbefinden unverzichtbar sind.
Everyone is part of a personal social network – often without even realizing it. The relationships within these networks influence how we think, feel, and act. They provide support during tough times, open up new perspectives, and contribute to both our physical and mental well-being. But what exactly do these networks look like, what are they made of, and why do they change over time? In this part of the article series, we explore the structure and importance of personal networks and why they are essential for our resilience and overall quality of life.
DOI: 10.34879/gesisblog.2025.96
Jeder von uns ist eingebettet in ein Netz aus sozialen Beziehungen. Oft unterschätzen wir die Bedeutung dieser sozialen Beziehungen, obwohl sie nicht nur essenziell für das Funktionieren einer Gesellschaft sind, sondern auch für unser persönliches Wohlbefinden. Sie prägen unsere Einstellungen und Verhaltensweisen, beeinflussen unsere mentale und körperliche Gesundheit und tragen zu unserer Resilienz bei – also zur Fähigkeit, belastende Lebenssituationen zu meistern. 1 2 3 Gleichzeitig beeinflussen wir selbst, bewusst oder unbewusst, unser soziales Umfeld.4
Betrachtet man all diese Beziehungen zusammen, entsteht ein Netzwerk, das unseren Alltag mitgestaltet: das persönliche soziale Netzwerk. Es umfasst oft jene Menschen, mit denen wir oft in Kontakt stehen, und spiegelt wider, wie wir sozial eingebunden sind. Doch obwohl wir alle solch ein soziales Netzwerk haben, ist uns dessen Struktur und Bedeutung oft nicht bewusst. In diesem Blog-Artikel werfen wir einen genaueren Blick darauf: Was genau ist ein persönliches soziales Netzwerk? Welche Funktionen erfüllt es? Und wie verändert es sich im Laufe der Zeit?
Woraus setzt sich unser persönliches soziales Netzwerk zusammen?
Unser soziales Netzwerk besteht aus verschiedenen Arten von Beziehungen. 5 Dazu gehören u.a. Familienmitglieder, Freund:innen und Kolleg:innen. Wie in Abbildung 1 dargestellt, können sich diese Beziehungen in ihrer Intensität bzw. in ihrem Nähegrade stark unterscheiden: 6
- Starke Bindungen haben wir zu Menschen, mit denen wir eng verbunden sind, wie enge Freund:innen oder Familienmitglieder. Sie sind meist Vertrauenspersonen, mit denen wir persönliche Gedanken, tiefste Gefühle und vertrauliche Informationen teilen.
- Schwache Bindungen haben wir zu Personen, zu denen wir lockeren Kontakt haben, wie entfernte Bekannte oder Kolleg:innen. Sie können dennoch eine wichtige Rolle spielen, etwa als Informationsquelle oder zur Erweiterung des sozialen Horizonts.
- Mittlere Bindungen sind solche Beziehungen, die zwischen starken und schwachen Bindungen liegen. Sie sind weniger intensiv als die engsten Beziehungen, aber dennoch bedeutungsvoll.

Wie groß oder klein dieses Netz aus sozialen Beziehungen ist, ist von Person zu Person unterschiedlich. Während manche Netzwerke stark auf Familie ausgerichtet sind, basieren andere eher auf Freundschaften, beruflichen Kontakten oder Bekanntschaften, wie sie zum Beispiel beim Ausüben von Hobbys entstehen können. Auch Geschlecht und Alter beeinflussen Netzwerke. So haben Frauen oft vielfältigere und größere Netzwerke als Männer 7 und ältere Menschen tendenziell kleinere Netzwerke als jüngere. Zudem spielt die Persönlichkeit eine Rolle. Beispielsweise neigen extrovertierte Menschen dazu, größere Netzwerke mit mehr engen Bindungen zu pflegen als introvertierte. 8
Warum brauchen wir ein persönliches soziales Netzwerk?
Unsere sozialen Beziehungen erfüllen wichtige Funktionen, in dem sie uns auf vielfältige Weise unterstützen. 9 10 11 12 13 Einige bieten emotionalen Beistand, helfen uns, Stress zu bewältigen, und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Besonders enge Bindungen, wie zu Freund:innen oder Familienangehörigen, spielen hierbei eine zentrale Rolle. Andere Beziehungen leisten praktische Unterstützung im Alltag – sei es durch Kinderbetreuung, Umzugshilfe oder handwerkliche Tätigkeiten. Ebenso bedeutsam ist der Austausch von Informationen. Besonders schwache Bindungen, etwa zu Kolleg:innen, eröffnen neue Perspektiven und sind wertvoll für berufliche Informationen. 14 Darüber hinaus stärken soziale Netzwerke unser Zugehörigkeitsgefühls und vermitteln das Empfinden, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Jede dieser Unterstützungsformen trägt zu unserem Wohlbefinden bei, 15 16 wobei enge, vertrauensvolle Beziehungen eine besonders wichtige Rolle für unsere Gesundheit spielen. 17
Veränderungen der Netzwerke – ein völliger normaler Prozess
Soziale Netzwerke sind nicht statisch. Sie verändern sich mit unseren Lebensverlauf und werden durch zentrale Ereignisse geprägt: Ein Umzug, eine neue Partnerschaft oder ein Jobwechsel führen oft zu Anpassungen in unserem sozialen Umfeld. Auch einschneidende Erlebnisse wie die Geburt eines Kindes oder der Verlust eines geliebten Menschen beeinflussen unsere Netzwerke. 18
Neben diesen persönlichen Entwicklungen gibt es allerdings auch gesellschaftliche und globale Ereignisse, die unser soziales Leben drastisch verändern können. Ein prägnantes Beispiel ist die COVID-19 Pandemie, die unsere sozialen Interaktion grundlegend beeinflusst hat. Welche langfristigen Auswirkungen diese Zeit auf persönliche soziale Netzwerke hatte, untersuchen wir im Projekt LoneCovid.
Im nächsten Blog-Artikel schauen wir uns genauer an, wie sich die Pandemie konkret auf unsere sozialen Beziehungen ausgewirkt hat. Bleiben Sie dran, es wird spannend!
Das LoneCovid-Projekt
Das LoneCovid-Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) erforscht die Veränderungen persönlicher sozialer Netzwerke während der COVID-19-Pandemie. Die Studie basiert auf einer stratifizierten Stichprobe von 961 Teilnehmenden des GESIS Panels und analysiert unter anderem, welche Kontakte verloren gingen und welche neu entstanden. Erste Ergebnisse zeigen, dass enge Beziehungen weitgehend stabil blieben, während der Kontakt zu weniger engen Bekannten oft abriss und berufliche Kontakte zunahmen. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Webseite:
References
- Flatt, J. D., Agimi, Y., & Albert, S. M. (2012). Homophily and health behavior in social networks of older adults. Family & community health, 35(4), 312–321. https://doi.org/10.1097/FCH.0b013e3182666650
- Rodriguez-Llanes, J. M., Vos, F., & Guha-Sapir, D. (2013). Measuring psychological resilience to disasters: Are evidence-based indicators an achievable goal? Environmental Health: A Global Access Science Source, 12(1), 1–10. https://doi.org/10.1186/1476-069X-12-115
- Nitschke, J. P., Forbes, P. A. G., Ali, N., Cutler, J., Apps, M. A. J., Lockwood, P. L., & Lamm, C. (2021). Resilience during uncertainty? Greater social connectedness during COVID‐19 lockdown is associated with reduced distress and fatigue. British Journal of Health Psychology, 26(2), 553–569. https://doi.org/10.1111/bjhp.12485
- Roberts, S. G., Wilson, R., Fedurek, P., & Dunbar, R. (2007). Individual differences and personal social network size and structure. Personality and Individual Differences, 44(4), 954–964. https://doi.org/10.1016/j.paid.2007.10.033
- Wellman, B., Wortley, S., 1990. Different strokes from different folks. Community ties and social support. American Journal of Sociology 96,558–588
- Granovetter, M.S., 1973. The strength of weak ties. American Journal of Sociology 78, 1360–1380
- Steijvers, L. C., Brinkhues, S., Tilburg, T. G. V., Hoebe, C. J., Stijnen, M. M., Vries, N., Crutzen, R., & Dukers-Muijrers, N. H. (2022). Changes in structure and function of social networks of independently living middle-aged and older adults in diverse sociodemographic sub-groups during the COVID-19 pandemic: a longitudinal study. BMC Public Health, 22(1), 2253. https://doi.org/10.1186/s12889-022-14500-2
- Rapp, C., Ingold, K., & Freitag, M. (2019). Personalized networks? How the Big Five personality traits influence the structure of egocentric networks. Social science research, 77, 148–160. https://doi.org/10.1016/j.ssresearch.2018.09.001
- Wellman, B., Wortley, S., 1990. Different strokes from different folks. Community ties and social support. American Journal of Sociology 96,558–588
- Granovetter, M.S., 1973. The strength of weak ties. American Journal of Sociology 78, 1360–1380
- Carbery, J., Buhrmester, D., 1998. Friendship and need fulfillment during three phases of young adulthood. Journal of Social and Personal Relationships 15, 393–409.
- Weiss, R.S., 1974. The provisions of social relationships. In: Rubin, Z. (Ed.), Doing unto Oth-ers. Prentice-Hall, Englewood Cliffs, NJ.
- Burt, R. S. (2000). The network structure of social capital. Research in Organizational Behavior, 22, 345–423.
- Steijvers, L. C., Brinkhues, S., Tilburg, T. G. V., Hoebe, C. J., Stijnen, M. M., Vries, N., Crutzen, R., & Dukers-Muijrers, N. H. (2022). Changes in structure and function of social networks of independently living middle-aged and older adults in diverse sociodemographic sub-groups during the COVID-19 pandemic: a longitudinal study. BMC Public Health, 22(1), 2253. https://doi.org/10.1186/s12889-022-14500-2
- Nitschke, J. P., Forbes, P. A. G., Ali, N., Cutler, J., Apps, M. A. J., Lockwood, P. L., & Lamm, C. (2021). Resilience during uncertainty? Greater social connectedness during COVID‐19 lockdown is associated with reduced distress and fatigue. British Journal of Health Psychology, 26(2), 553–569. https://doi.org/10.1111/bjhp.12485
- Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: A meta-analytic review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316.
- Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: A meta-analytic review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316.
- Wrzus, C., Hänel, M., Wagner, J., & Neyer, F. J. (2013). Social network changes and life events across the life span: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 139(1), 53–80. https://doi.org/10.1037/a0028601
“I wanted to say that I truly appreciate the consistent quality and thoughtful content you put out. It’s refreshing to find a blog that’s so reliable and informative. You’ve built a great resource here.” ailinkboost