Ungleiche Bildungschancen in Europa: Wie Vermögen über den Bildungsweg entscheidet  

Eine Hand, die mit Kreide an einer Tafel schreibt, mit mathematischen Symbolen und Formeln im Hintergrund.

Wohneigentum, Ersparnisse und Schulden nehmen Einfluss darauf, ob junge Menschen den Schritt in die weiterführende Ausbildung (z. B. Universität oder Fachhochschule) schaffen. Eine aktuelle vergleichende Studie der Bildungsforscher*innen Andrea Pietrolucci, Jascha Dräger, Nora Müller und Marco Albertini zeigt: Nicht nur Bildung oder Einkommen der Eltern zählen – entscheidend ist auch ihr Vermögen. 

Home ownership, savings, and debt influence whether young people take the step into further education (e.g. university or technical college). A recent comparative study by education researchers Andrea Pietrolucci, Jascha Dräger, Nora Müller, and Marco Albertini shows that it is not only parents’ education or income that counts – their wealth is also a decisive factor. 

DOI: 10.34879/gesisblog.2025.110


Hintergrund der Untersuchung  

Die Studie basiert auf Daten des Household Finance and Consumption Survey der Europäischen Zentralbank, einer der umfassendsten Erhebungen zu Vermögen in Europa. Analysiert wurden Angaben von rund 19.000 jungen Erwachsenen im Alter von 19 bis 22 Jahren aus 15 europäischen Ländern. Entscheidend war, dass sie noch im Haushalt ihrer Eltern lebten – nur so ließ sich das Vermögen der Eltern verlässlich erfassen. 

Die Forschenden untersuchten, ob und wie stark verschiedene Formen von Vermögen – etwa Immobilienbesitz, Ersparnisse oder Schulden – mit der Wahrscheinlichkeit eines Studieneinstiegs oder einer anderen weiterführenden (Aus-)Bildung zusammenhängen. Damit zeigt die Studie erstmals für eine große Anzahl von Ländern, welche Vermögensarten den Bildungsweg besonders prägen – und in welchen Ländern diese Unterschiede am größten sind. 

Vermögen ist nicht gleich Vermögen  

Vermögen ist nicht einfach Vermögen – darauf macht die Studie deutlich aufmerksam. Statt nur das gesamte Nettovermögen zu betrachten, unterscheiden die Forschenden drei Formen: Sachvermögen, Finanzvermögen und Schulden. 

Am wichtigsten für Bildungschancen erweist sich das Sachvermögen, insbesondere Wohneigentum. Junge Menschen aus Familien mit eigenem Haus oder eigener Wohnung haben deutlich bessere Chancen, ein Studium oder eine andere postsekundäre Ausbildung zu beginnen. Finanzvermögen – also Ersparnisse oder Wertpapiere – spielt insgesamt eine geringere Rolle. Es wirkt jedoch stärker in Ländern, in denen Familien mehr für Bildung zahlen müssen, etwa in Italien oder Frankreich. 

Bei Schulden zeigen sich gemischte Befunde. Hypotheken, also Kredite, die durch Eigentum abgesichert sind, wirken sich teils neutral oder sogar leicht positiv aus – möglicherweise, weil sie mit finanziellem Vertrauen und Stabilität einhergehen. Unbesicherte Kredite, etwa Konsum- oder Dispokredite, dagegen gehen fast überall mit schlechteren Bildungschancen einher. 

Unterschiede im europäischen Vergleich  

Wie stark Vermögen über Bildungschancen entscheidet, unterscheidet sich deutlich zwischen den Ländern Europas. In der Slowakei, Ungarn und Portugal ist der Einfluss besonders groß: Dort haben Kinder aus wohlhabenden Familien weitaus bessere Chancen, ein Studium aufzunehmen, als ihre Altersgenoss*innen aus ärmeren Haushalten. In Belgien, Deutschland und Slowenien fällt diese „Vermögenslücke“ beim Hochschulzugang dagegen am geringsten aus. 

Unter einer Vermögenslücke verstehen die Forschenden den Abstand in den Bildungschancen zwischen jungen Menschen aus vermögensreichen und solchen aus vermögensarmen Familien. Sie beschreibt also, wie stark der familiäre Besitzstand über den Bildungsweg entscheidet. 

Im europäischen Durchschnitt beträgt diese Lücke rund 15 Prozentpunkte – und das selbst dann, wenn Bildung, Beruf und Einkommen der Eltern berücksichtigt werden. Das zeigt: Vermögen hat eine eigene Wirkung, unabhängig von anderen sozialen Merkmalen. 

Warum das Vermögen zählt  

Vermögen verschafft Familien nicht nur finanziellen Spielraum – es prägt die Bildungschancen junger Menschen auf vielfältige Weise. Die Studie zeigt: Besitz schafft Möglichkeiten, Sicherheit und Perspektiven. 

Zum einen können wohlhabendere Familien mehr in Bildung investieren – etwa in Nachhilfe, Studiengebühren oder zusätzliche Lernangebote. Zum anderen erlaubt Vermögen, in Gegenden mit besseren Schulen und stabilen Lernumgebungen zu leben. Kinder profitieren dort von besseren Bildungsressourcen, motivierenden Gleichaltrigen und hochwertiger schulischer Förderung. 

Darüber hinaus wirkt Vermögen wie ein Sicherheitsnetz in Krisenzeiten: Finanzielle Rücklagen schützen vor Stress, ermöglichen Eltern, gelassener zu planen, und fördern damit ein stabiles Familienklima – eine wichtige Voraussetzung für schulischen Erfolg. Schließlich beeinflusst Besitz auch Einstellungen und Erwartungen: Wer Vermögen hat, setzt häufiger auf langfristige Bildungsziele und strebt an, den sozialen Status der Familie zu sichern oder zu verbessern. 

Kurz gesagt: Vermögen erleichtert Investitionen, schafft Stabilität und stärkt Bildungsambitionen – und trägt so entscheidend dazu bei, dass soziale Ungleichheiten von einer Generation auf die nächste weitergegeben werden. 

Zukünftige Forschung  

Die Autor*innen betonen, dass die Forschung zum Zusammenhang zwischen Vermögen und Bildung erst am Anfang steht. Künftige Studien sollten weitere Länder und verschiedene Wohlfahrtsmodelle einbeziehen, um besser zu verstehen, wie Vermögen Bildungschancen weltweit prägt. Wichtig sind dabei größere und langfristige Datensätze, die zeigen, wie sich Vermögensunterschiede über die Zeit auf die Bildungswege junger Menschen auswirken – etwa über Investitionen in Bildung oder den Zugang zu sozialem Kapital. 

Gleichzeitig macht die Studie deutlich: Vermögen ist mehr als nur ein finanzieller Hintergrundfaktor. Es entscheidet oft stärker über Bildungserfolg als das Einkommen oder der Bildungsstand der Eltern. Besonders Wohneigentum wirkt dabei wie ein Motor sozialer Stabilität – und zugleich als Barriere für Chancengleichheit. 

Die politische Botschaft ist klar: Wer über Bildungsgerechtigkeit sprechen will, muss auch über Vermögensverteilung sprechen. Nur wenn Besitz und Chancen gleichermaßen berücksichtigt werden, kann echte Chancengleichheit entstehen. 

Wissenschaftliche Originalpublikation:
Pietrolucci, A., Dräger, J., Müller, N., Albertini, M. (2025). The educational wealth divide in Europe: Post-secondary enrollment gaps across parental wealth components and countries. Social Stratification and Mobility, 99. 
https://doi.org/10.1016/j.rssm.2025.101086.  

Dieser Beitrag wurde von Inke Ammermann und Dr. Sophie Zervos mit Unterstützung von ChatGPT 4.1 auf Grundlage der wissenschaftlichen Originalpublikation erstellt und von einem der Forschenden geprüft.

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