Politisches Vertrauen: eine vergleichende Perspektive auf Südeuropa  

Aerial view of a coastal city with colorful rooftops, an ancient aqueduct, and a harbor surrounded by mountains and blue water.
Aerial view of old town, castle and aqueduct in Kavala, Greece, Europe

Politisches Vertrauen gilt als Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit demokratischer Systeme. Es beschreibt die Erwartung von Bürger*innen, dass politische Institutionen effektiv handeln und das öffentliche Interesse vertreten. Sinkendes Vertrauen kann dagegen demokratische Repräsentation schwächen, Radikalisierung fördern und Unterstützung undemokratischer Alternativen erhöhen. 
Vor diesem Hintergrund untersuchen Pablo Christmann, Pedro C. Magalhães und Sofia Vasilopoulou in ihrer Studie „Divergent paths of political trust in Southern Europe: the roles of economic performance, corruption, congruence, and polarisation. South European Society and Politics.” die langfristige Entwicklung politischen Vertrauens in Griechenland, Portugal und Spanien.  

Political trust is considered a prerequisite for the functioning of democratic systems. It refers to citizens’ expectations that political institutions will act effectively and represent public interest. Declining trust, on the other hand, can weaken democratic representation, promote radicalization, and increase support for undemocratic alternatives.
Against this background, Pablo Christmann, Pedro C. Magalhães, and Sofia Vasilopoulou examine in their study “Divergent paths of political trust in Southern Europe: the roles of economic performance, corruption, congruence, and polarisation. South European Society and Politics” the long-term development of political trust in Greece, Portugal, and Spain. 

DOI: 10.34879/gesisblog.2026.125


Gleiche Krise, unterschiedliche Entwicklungen  

Die Studie nimmt ihren Ausgangspunkt in der Beobachtung, dass das politische Vertrauen in Südeuropa im Zuge der Finanz- und Eurokrise spürbar zurückging, sich anschließend jedoch in den einzelnen Ländern unterschiedlich entwickelte. Griechenland, Portugal und Spanien dienen hierbei als Vergleichsfälle, da sie zentrale Gemeinsamkeiten aufweisen: So erfolgte ihre Demokratisierung in den 1970er-Jahren, womit sie zur sogenannten „dritten Demokratisierungswelle“ zählen. In den 1980er-Jahren traten alle drei Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bei und waren ab 2008 – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – von der Eurokrise betroffen.

Während sich das politische Vertrauen in Portugal weitgehend erholte, blieb das Vertrauensniveau in Griechenland und Spanien langfristig auf einem niedrigeren Stand. Die Autor*innen gehen daher der Frage nach, wie sich das politische Vertrauen in den drei Ländern entwickelt hat und welche Kontextfaktoren die unterschiedlichen Verläufe erklären können. Im Mittelpunkt stehen vier zentrale Einflussfaktoren, die identifiziert und überprüft werden: die wirtschaftliche Entwicklung, das Ausmaß politischer Korruption, die ideologische Übereinstimmung zwischen Bevölkerung und Regierung sowie der Grad der Polarisierung im Parteiensystem.

Die Forschenden unterschieden dabei zwischen zwei unterschiedlichen Ansätzen zum politischen Vertrauen. Zum einen bezogen sie Output-orientierte Erklärungen ein, die davon ausgehen, dass das Vertrauen maßgeblich davon abhängt, wie Bürger*innen die Leistungsfähigkeit politischer Institutionen einschätzen. Hierzu zählen insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung sowie die Qualität staatlichen Handelns, etwa im Hinblick auf Korruption.

Zum anderen berücksichtigten sie input-orientierte Erklärungen. Diese Perspektive richtet den Blick darauf, ob Bürger*innen ihre politischen Präferenzen im politischen System wiederfinden. Dazu zählen etwa die ideologische Übereinstimmung zwischen Bevölkerung und Regierung sowie Merkmale des Parteiensystems. Aus diesen beiden Ansätzen leiten die Forschenden vier zentrale Hypothesen ab: Politisches Vertrauen sollte höher ausfallen, wenn (1.) die wirtschaftliche Situation günstiger ist, (2.) Korruption geringer ist, (3.) eine größere ideologische Nähe zwischen Regierung und Bevölkerung besteht und (4.) das Parteiensystem weniger stark polarisiert ist.

Daten und Methode  

Die Studie basiert auf Eurobarometer-Umfragen aus dem Zeitraum von 1997 bis 2022. Analysiert wurden wiederholte Querschnittsbefragungen, die zu verschiedenen Zeitpunkten jeweils mit neuen Befragten durchgeführt wurden. Insgesamt umfasst der ausgewertete Datensatz Angaben von mehr als 82.000 Personen aus 38 Erhebungszeitpunkten.

Die Analyse unterscheidet zwei Ebenen: die Ebene der einzelnen Befragten sowie die Ebene des jeweiligen Erhebungszeitpunkts. Auf Individualebene kontrollieren die Modelle unter anderem für Alter, Geschlecht, Bildung, Familienstand, Urbanität und die ideologische Selbstverortung. Auf Kontextebene werden wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, das Ausmaß politischer Korruption sowie ideologische Kongruenz und Polarisierung berücksichtigt. Mithilfe von Mehrebenenmodellen wird untersucht, inwiefern sich Veränderungen im politischen Vertrauen durch zeitlich variierende Kontextbedingungen erklären lassen.

Entwicklung des politischen Vertrauens  

Politisches Vertrauen messen die Autor*innen anhand des Vertrauens in drei zentrale Institutionen: das nationale Parlament, die Regierung sowie die politischen Parteien. Aus diesen Einzelindikatoren wird ein gemeinsamer Vertrauen-Index gebildet.

Zu Beginn des Untersuchungszeitraums lag das politische Vertrauen in allen drei Ländern auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Mit der Finanz- und Eurokrise änderte sich dies jedoch deutlich. Ab 2009 ging das Vertrauen in allen drei Ländern sehr stark zurück. Die anschließenden Entwicklungen verliefen jedoch unterschiedlich.

In Griechenland und Spanien brach das Vertrauen nach der Krise massiv ein und verblieb trotz leichter Erholung auf einem niedrigen Niveau. Portugal zeigt hingegen einen abweichenden Verlauf: Dort war das Vertrauen bereits vor der Krise rückläufig, erholte sich nach dem Einbruch jedoch deutlich stärker als in Griechenland und Spanien.

Wirtschaftliche Leistung als zentraler Faktor  

Ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die beobachteten Unterschiede liegt in der wirtschaftlichen Entwicklung der Länder. Um diese vergleichbar zu erfassen, nutzen die Autor*innen den „Economic Performance Index“, der Arbeitslosigkeit, Haushaltsdefizit, Inflation und Wirtschaftswachstum zusammenfasst.

Die Finanz- und Eurokrise traf Griechenland, Portugal und Spanien unterschiedlich hart. Am gravierendsten fielen die Folgen in Griechenland aus: Zwischen 2008 und 2013 sank das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf dort um 26 Prozent, während es in Spanien um 10 Prozent und in Portugal um 7 Prozent zurückging. Auch Arbeitslosigkeit und materielle Notlagen nahmen in Griechenland besonders stark zu, während Spanien ebenfalls deutlich von steigender Arbeitslosigkeit betroffen war.

Nach der Krise setzten in allen drei Ländern Erholungsprozesse ein, die sich jedoch hinsichtlich Geschwindigkeit und Umfang deutlich voneinander unterschieden. Portugal kehrte bis 2019 annähernd auf sein Vorkrisenniveau zurück, während Griechenland und Spanien dieses Niveau nicht vollständig erreichten. Die wirtschaftliche Entwicklung trägt somit zur Erklärung der Vertrauenseinbrüche bei, vermag jedoch nicht zu erklären, warum das Vertrauen in Griechenland und Spanien bis 2022 auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verharrte.

Korruption und Polarisierung als politische Faktoren  

Neben wirtschaftlichen Faktoren untersuchte die Studie auch politische Dynamiken. Korruption wird über den „Bayesian Corruption Index“ erfasst, der wahrgenommene Machtmissbräuche zum Zwecke privater Vorteilsnahme abbildet. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. Griechenland weist über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg die höchsten Werte politischer Korruption auf. Portugal hingegen verzeichnet einen langfristigen Rückgang der Korruptionswahrnehmung. Spanien folgt eher dem griechischen Muster: Nach zunächst sinkenden Werten steigt die wahrgenommene politische Korruption seit der Krise wieder an.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass steigende Korruptionswahrnehmung insbesondere in Griechenland und Spanien mit sinkendem politischem Vertrauen einhergeht. Für Portugal zeigt sich dieser Zusammenhang hingegen nicht in vergleichbarer Weise.

Darüber hinaus analysierten die Autor*innen die ideologische Polarisierung des Parteiensystems. In Griechenland führte die Krise zu einem Umbau des Parteiensystems, etwa durch den Aufstieg von SYRIZA und rechtsextremen Parteien wie der Goldenen Morgendämmerung. In Spanien wurde das traditionelle Zweiparteiensystem durch neue Parteien wie Podemos, Ciudadanos und später Vox aufgebrochen. Portugal blieb dagegen lange von moderaten Parteien geprägt und wies vergleichsweise geringe Polarisierung auf. Erst später deuten neue Parteien wie die rechtsradikale und populistische Partei Chega und die Liberal Initiative auf eine mögliche Zunahme der Polarisierung hin.

In Griechenland und Spanien gingen Phasen erhöhter Polarisierung mit dauerhaft niedrigen Niveaus politischen Vertrauens einher, selbst in Perioden wirtschaftlicher Erholung. Im Gegensatz dazu scheint die Erholung des politischen Vertrauens in Portugal nicht nur auf die wirtschaftliche Stabilisierung zurückzuführen zu sein, sondern auch durch das anhaltend niedrige Niveau politischer Polarisierung begünstigt worden zu sein.

Rolle von politischer Repräsentation  

Außerdem untersuchten die Forschenden die ideologische Kongruenz zwischen Bevölkerung und Regierung. Gemeint ist damit, wie nah die politischen Positionen der Regierung bei den Präferenzen der Bürger*innen liegen. Im Vergleich der drei Länder zeigen sich hier allerdings nur begrenzte Effekte. Lediglich in Portugal scheint eine stärkere ideologische Übereinstimmung klar mit höherem politischem Vertrauen zusammen zu hängen. Insgesamt spielt dieser Faktor eine deutlich geringere Rolle als wirtschaftliche Entwicklung, Korruption oder Polarisierung.

Schlussfolgerung  

Die Ergebnisse zeigen, dass wirtschaftliche Leistung ein wichtiger Faktor für politisches Vertrauen bleibt. Entscheidend ist aber auch die politische Dynamik. In Portugal fiel die wirtschaftliche Erholung mit vergleichsweise geringer Polarisierung zusammen. In Griechenland und Spanien dagegen gingen wirtschaftliche Krisen mit stärkerer Polarisierung und steigender Korruptionswahrnehmung einher. Das politische Vertrauen blieb dort deshalb dauerhaft niedriger. 

Die Studie zeigt damit, dass politisches Vertrauen nicht allein von ökonomischer Entwicklung abhängt. Ebenso wichtig ist, wie politische Systeme Krisen verarbeiten und wie konflikthaft politische Auseinandersetzungen wahrgenommen werden. Stabile und weniger polarisierte Parteiensysteme können dazu beitragen, Vertrauen wieder aufzubauen, selbst nach schweren wirtschaftlichen Krisen. 

Dieser Beitrag basiert auf folgender wissenschaftlicher Originalpublikation:

Christmann, P., Magalhães, P. C., & Vasilopoulou, S. (2025). Divergent paths of political trust in Southern Europe: the roles of economic performance, corruption, congruence, and polarisation. South European Society and Politics, 30(4), 621–649.
https://doi.org/10.1080/13608746.2025.2576094

Der Beitrag wurde von Inke Ammermann und Sophie Zervos mit Unterstützung von ChatGPT 4.1 erstellt und von Pablo Christmann redigiert und freigegeben.

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.