Problematisches Stadtbild? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migration und subjektiver Sicherheit in Deutschland?

Aerial view of pedestrians crossing a street at a crosswalk, with some wearing caps and carrying bags in a busy urban environment.

Fühlen Sie sich sicher, wenn Sie nach Einbruch der Dunkelheit allein zu Fuß in Ihrer Wohngegend unterwegs sind? Mit seiner Stadtbild-Äußerung vor einigen Monaten hat Bundeskanzler Friedrich Merz einen Zusammenhang zwischen Migration und Sicherheitsgefühl hergestellt – aber wie sehen es die Deutschen? Kann man auch in der öffentlichen Meinung diesen Zusammenhang beobachten?

Do you feel safe walking alone in your neighborhood after dark? In his remarks on the urban landscape a few weeks ago, Chancellor Friedrich Merz drew a connection between migration and people’s sense of security—but how do Germans feel about this? Is this connection also reflected in public opinion?

DOI: 10.34879/gesisblog.2026.120


Migration und Sicherheit: Was die Fakten sagen

Die Debatte über die Rolle von Migrant*innen in der öffentlichen Sicherheit ist nicht neu und wurde erst neulich von Bundeskanzler Friedrich Merz selbst wieder befeuert. Er wies darauf hin, dass Einwanderer*innen die Hauptursache dafür seien, dass sich vor allem Frauen nachts auf der Straße nicht mehr sicher fühlten.
Anhand der European Social Survey (2025) haben wir analysiert und geprüft, ob dieser Zusammenhang auch in den vorliegenden und qualitativ hochwertigen Erhebungsdaten nachweisbar ist.

Der European Social Survey (ESS) ist eine länderübergreifende, auf wissenschaftlichen Standards beruhende Erhebung, die seit 2001 alle zwei Jahre durchgeführt wird.1 Der ESS erhebt Daten über Einstellungen und Verhaltensmuster der Bevölkerung in mehr als 30 europäischen Ländern. Deutschland ist seit Beginn ein Mitglied des ESS.

Die Zahlen sprechen für sich

Von 2002 bis 2023 gaben weniger als 9% der Deutschen, die in der ESS teilgenommen haben an, sich nach Einbruch der Dunkelheit in ihrer Wohngegend „sehr“ unsicher zu fühlen. Gleichwohl ist dieser Anteil in Deutschland, im Vergleich zum Anteil in der gesamten europaweiten Stichprobe relativ groß, insbesondere nach 2014. Ein kleiner Anstieg ist zwischen 2014 und 2016  schon zu beobachten, was darauf hindeuten könnte, dass die Unsicherheit zumindest teilweise mit der großen Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 zusammenhängt. Wie eng die Zuzugszahlen nach Deutschland mit der Unsicherheitsgefühl der Menschen zusammenhängt, ist aber nicht so einfach einzuschätzen. In 2023 im Vergleich zu 2021 haben weniger Menschen angegeben, dass sie sehr unsicher sind, obwohl die Zuwanderung in dem Jahr wieder angestiegen ist.

Line graph depicting the percentage and number of individuals feeling 'very insecure' from 2002 to 2023, showing trends in immigration and survey responses in Germany.

Interessant ist auch, dass die Unsicherheit während der Covid-19-Pandemie in allen ESS-Ländern ihr höchstes Niveau erreicht hat (8,1% in Deutschland). Miteinzubeziehen sind hier allerdings auch mögliche Effekte der Erhebungsmethode, denn während der Pandemie wurden die Daten u.a. in Deutschland online oder mit einem schriftlichen Fragebogen erhoben und nicht über ein persönliches Interview, wie es zuvor stets der Fall gewesen war.
Weit seltener als das subjektive Sicherheitsgefühl der Deutschen rückt das der Migrant*innen in den Fokus der Debatte. Wie sicher fühlen sich Zuwanderer*innen in Deutschland?

Auch auf diese vernachlässigte Frage gibt die ESS eine Antwort: So zeigt sich, dass seit 2008 Personen, die nicht in Deutschland geboren sind, sich subjektiv unsicherer fühlen als ihre Mitmenschen, die hier auf die Welt kamen. Abbildung 2 zeigt, dass die Schere zwischen den Menschen, die auf die Frage nach der eigenen Sicherheit mit „sehr unsicher“ geantwortet haben und entweder in Deutschland geboren sind oder nicht, teilweise stark auseinandergeht, sich dann aber auch wieder nahezu schließt wie im Jahr 2016. Die Annäherung beider Linien kommt vor allem durch den steileren Anstieg des Anteils jener Personen zustande, die in Deutschland geboren sind und sich sehr unsicher gefühlt haben. Eine Erklärung für die Unterschiede findet man im neuesten Jahresgutachten der SVR-Migration und Integration (2026).2 Der Bericht legt nahe, dass die soziale Segregation in deutschen Städten in den letzten Jahren zugenommen hat, sodass sozioökonomisch benachteiligte Gruppen zunehmend in bestimmten Stadtteilen wohnen. Durch die Stärkung des Zusammenhang zwischen Armut und Migrationshintergrund in vielen deutschen Städten, sind Migrant*innen, und vor allem die neu Zugewanderten, in solchen Stadtteilen überrepräsentiert.  

Line graph showing percentages of individuals feeling 'very insecure' in Germany from 2002 to 2023, comparing those born in Germany (blue line) versus those not born in Germany (red line).

Das Auseinanderklaffen der Schere in den Jahren 2018 und 2021 lässt sich vielleicht mit dem Umzug vieler neu Eingewanderter aus den Jahren 2015 und 2016 aus den Aufnahmestationen in eine neue private Heimstatt erklären. Solche Menschen konnten erst ab diesem Zeitpunkt an der auf Deutsch durchgeführten Umfrage teilnehmen, denn die Stichprobe beinhaltet nur Menschen in Privathauhalten (also eben nicht die Bewohner*innen von Asylheimen u.Ä.).

Der richtige Blickwinkel: Frauen und Sicherheit

In einem Punkt hatte der Bundeskanzler Recht: Frauen geben tatsächlich häufiger als Männer an, dass sie sich sehr unsicher fühlen, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs sind. Dieser Unterschied ist real und sollte bei politischen Diskussionen stärker berücksichtigt werden. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht ausschließlich in der Migration, sondern in einer Vielzahl von Faktoren, die von gesellschaftlichen Rollenbildern bis hin zu konkreten Sicherheitsmaßnahmen reichen.

Line graph showing the percentage and absolute numbers of men and women moving to urban versus non-urban areas from 2002 to 2023. Different colors represent categories such as women from urban areas, men from urban areas, and the overall immigration trend.

Aus der Grafik wird ersichtlich, dass der Anteil der Bevölkerung, der sich sehr unsicher fühlt, nicht unmittelbar von den Zuzugzahlen beeinflusst ist. So hat beispielsweise der Anteil der Männer, die in Großstädten wohnen und die „sehr unsicher“ als Antwort angegeben haben, zwischen 2014 und 2016 abgenommen, obwohl die Zuzugzahlen gleichzeitig gestiegen sind. Den gleichen Trend finden wir auch bei den Frauen zwischen 2012 und 2014. Wir sehen also keine Beweise für einen direkten Zusammenhang von gefühlter (Un)Sicherheit und Zuzugszahlen.

Migration und Sicherheitsgefühl

Einwanderung wird in der öffentlichen Debatte nicht selten negativ konnotiert, womit sich vorhandene Ressentiments in der Gesellschaft gegenüber „allem Fremden“ ansprechen lassen. Dieser rhetorische Trick mag mitunter für die eigenen Zwecke wirkungsvoll sein, ist aber nicht unproblematisch. Warum?
Daten aus der ESS zeigen, dass Unsicherheit mit negativer Einstellung gegenüber Einwanderung etwas stärker wird. Das heißt: Ein positiver Diskurs über Einwanderung könnte nicht nur die zunehmende Ablehnung gegenüber Migrant*innen eindämmen, sondern auch das subjektive Sicherheitsgefühl stärken.
Doch wie lässt sich positiv über Einwanderung berichten und diskutieren? Einfacher als gedacht!

Bar chart illustrating migration attitudes based on feelings of safety. Categories include 'Very Safe', 'Safe', 'Unsure', and 'Very Unsure'. Three groups are represented: Culture, Country, and Economy.

Laut Hackmann und Kolleg*innen (2025) zum Beispiel, sind Migrant*innen essentieller Bestandteil des Wirtschaftsstandorts Deutschland.3 Die Relevanz von Migration für den deutschen Arbeitsmarkt und die Gesamtwirtschaft deutet sich bereits seit einiger Zeit an: „Seit Beginn des Jahres 2023 wird der Aufbau der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lediglich durch ausländische Staatsangehörige getragen.“ (S.3)

Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hebt die Bedeutung von qualifizierten Migrant*innen für die deutsche Wirtschaft besonders ab dem Jahr 2045 hervor.4 Dafür ist jedoch nicht nur die qualifizierte Zuwanderung relevant, sondern auch die Qualifizierung von bereits hier lebenden Migrant*innen.

Daten der Statistisches Bundesamt5 zeigen, dass im Jahr 2024 Auszubildende mit ausländischer Staatsangehörigkeit bereits 15 % aller Auszubildenden mit neuem Vertrag ausmachten.

IAB-Daten aus 2025 zeigen weitere positive Trends: Laut Brücker und Kolleg*innen (2026)ist die Beschäftigungsquote der ausländischen Bevölkerung im Dezember 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozentpunkte gestiegen.6 Parallel ist die SGB-II Hilfsquote in dieser Gruppe im November 2025 gegenüber dem Vorjahresmonat um 1,3 Prozentpunkte gesunken.   Studien zeigen sogar, dass das Potenzial in der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund noch viel höher ist.7 Dafür müssen jedoch Bildungsunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland reduziert werden (Fitzenberger und Kosyakova 2025); eine gestärkte und schnellere Integration wäre also vonnöten.

Welche Maßnahmen helfen darüber hinaus, die Sicherheit im städtischen Raum zu erhöhen? Studien der Stadtforschung aus Schweden8 und den USA9 berichten, dass die Beleuchtung eine zentrale Rolle beim Sicherheitsgefühl spielt. Weitere Faktoren sind die morphologische Komplexität der Straßen (bezogen u.a. auf die Optimierung von Einsehbarkeit und freie Sicht bzw. störende Hürden wie ungepflegte Gebüsche o.ä.) sowie die Art und Zusammensetzung der Ladenlokale vor Ort.

Auch in Deutschland wurde das Thema bereits erforscht, und erfolgreich getestet. Im Rahmen des von der DFG finanzierten Projekts „Transdisziplinäre Sicherheitsstrategie für Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommunen – transit“ erschien 2016 eine Handreichung, die anhand von mehreren Beispielen zeigt, wie sich durch Beleuchtung, verbesserte Übersichtlichkeit und Reduzierung der Leerstandsquoten die objektive Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl verbessern lassen.10 Dabei war die Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Polizei sowie Bauträgern genauso zentral wie auch die enge Beteiligung der Einwohner*innen, um Erfolge zu erzielen.

Fazit

Die Verbindung von Migration und Sicherheit ist ein komplexes Thema, das sich nicht mit vereinfachenden Slogans erklären lässt. Die Daten zeigen zunächst, dass das Problem Stadtbild real ist und existiert, auch wenn nur wenige davon betroffen sind und, dass Frauen in der Betroffenengruppe überrepräsentiert sind. Aus den Daten lässt sich aber kein klarer Zusammenhang zwischen der Zahl der nach Deutschland zugezogenen Migrant*innen und der Unsicherheit der Bevölkerung herleiten. Der Zusammenhang zwischen Einstellungen gegenüber Migration und Unsicherheitsgefühl deutet daraufhin, dass positive Einstellungen gegenüber Einwanderung das Gefühl der Unsicherheit reduzieren können, doch andersherum funktioniert dieser Nexus eben auch.

Was kann man also für die Stärkung des subjektiven Sicherheitsgefühl noch machen? Dafür liefert die Forschung bereits mehrere Ideen, die sich teilweise bereits in der realen Umsetzung bewährt haben, auch in Deutschland.


References

  1. European Social Survey European Research Infrastructure (ESS ERIC) (2025) ESS11 – integrated file, edition 4.1 [Data set]. Sikt – Norwegian Agency for Shared Services in Education and Research. https://doi.org/10.21338/ess11e04_1
  2. Sachverständigenrat für Migration und Integration (2026) Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft. Jahresgutachten 2026. ISSN (Online) 2940-519X. https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/. Abrufdatum: 18. Mai 2026
  3. Hackmann, Angelina; Kholodilin, Konstantin; Schildmann, Teresa (2025): Mehr Migration könnte Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft deutlich erhöhen, DIW aktuell, No. 101, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, https://www.econstor.eu/bitstream/10419/312125/1/1916767087.pdf, Abrufdatum: 8. Mai 2026
  4. Deschermeier, Phillip (2026): Die Zeichen stehen wieder auf Schrumpfung, IW-Kurzbericht 29/2026, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln. https://www.iwkoeln.de/studien/philipp-deschermeier-die-zeichen-stehen-wieder-auf-schrumpfung.html, Abrufdatum: 8. Mai 2026
  5. DeStatis (2025): Pressemitteilung Nr. 314 vom 28. August 2025, 1,0 % weniger neue Ausbildungsverträge in der dualen Berufsausbildung im Jahr 2024. 1,0 % weniger neue Ausbildungsverträge in der dualen Berufsausbildung im Jahr 2024 – Statistisches Bundesamt, Abrufdatum: 8. Mai 2026
  6. Brücker, Herbert; Hauptmann, Andreas; Keita, Sekou (2026): Aktuelle Daten und Indikatoren Zuwanderungsmonitor, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Zuwanderungsmonitor Februar 2026, Abrufdatum: 8. Mai 2026
  7. Fitzenberger, Bernd; Kosyakova, Yuliya (2025): Ungenutzte Potenziale: Migration und Ausbildung, In: IAB-Forum 19. September 2025, https://iab-forum.de/ungenutzte-potenziale-migration-und-ausbildung/, Abrufdatum: 8. Mai 2026
  8. Rahm, J., Sternudd, C., & Johansson, M. (2021). “In the evening, I don’t walk in the park”: The interplay between street lighting and greenery in perceived safety. Urban design international, 26(1), 42-52.
  9. Park, Y., & Garcia, M. (2020). Pedestrian safety perception and urban street settings. International Journal of Sustainable Transportation, 14(11), 860–871. https://doi.org/10.1080/15568318.2019.1641577
  10. Landeskriminalamt Niedersachsen/Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH (2016): Sicherheit im Wohnumfeld und in der Nachbarschaft Impulse für die Zusammenarbeit von Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommune Hannover/Berlin

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