Ist der Weg zur Wahlkreiskandidatur für manche Personen steiniger als für andere? – Erkenntnisse aus der GLES Nominierungsstudie 2021

Wovon es abhängt, welche Personen von Parteien als Kandidat*innen aufgestellt werden, ist bisher nur wenig bekannt. Um Forschung zu dieser Frage zu ermöglichen, wurde zur Bundestagswahl 2021 erstmals die Nominierungsstudie der Deutschen Wahlstudie (GLES) durchgeführt. Wie dieser Beitrag zeigt, lässt sich anhand dieser Daten die Frage analysieren, wie die Chancen auf eine Nominierung zur Wahlkreiskandidatur mit demografischen Personeneigenschaften zusammenhängen.

Little is known about what determines who is selected by political parties as a candidate for elections. To enable research on this question, the Nomination Study of the German Longitudinal Election Study (GLES) was conducted for the first time for the 2021 German federal election. As this article shows, this dataset can be used to analyze how the chances of being nominated as a constituency candidate are related to demographic characteristics.

DOI: 10.34879/gesisblog.2024.81


Für demokratische Gesellschaften ist es von großer Bedeutung, dass unterschiedliche soziale Gruppen durch gewählte Politiker*innen repräsentiert werden und dass dies von den Bürger*innen auch so wahrgenommen wird. Zwei Aspekte spielen hierfür eine wichtige Rolle: ob Personen aus den jeweiligen Gruppen unter den gewählten Politiker*innen vertreten sind (man spricht hier von deskriptiver Repräsentation) und ob die Interessen der jeweiligen Gruppe auch in politischen Entscheidungsprozessen vorgebracht und berücksichtigt werden (man spricht hier von substanzieller Repräsentation)1. Die Frage, wie Eigenschaften von Kandidat*innen im Zusammenspiel mit Eigenschaften potenzieller Wähler*innen deren Einstellungen und Wahlentscheidungen beeinflussen, hat in der Forschung viel Aufmerksamkeit bekommen2. Interessanterweise gibt es jedoch einen Aspekt, der für die politische Repräsentation sozialer Gruppen ganz entscheidend ist, über den bisher – zumindest für den Fall der Bewerber*innen um die Kandidaturen in Bundestagswahlkreisen – verhältnismäßig wenig bekannt ist3: Damit Politiker*innen von Bürger*innen gewählt werden können, müssen sie in der Regel zunächst von ihren Parteien als Kandidat*innen aufgestellt, also nominiert werden. Wie laufen diese Nominierungsprozesse in verschiedenen Parteien ab? Von welchen Randbedingungen werden diese Nominierungsprozesse beeinflusst? Welche Bedeutung haben bestimmte Eigenschaften der Personen, die innerparteilich eine Nominierung anstreben, für ihre Chancen, tatsächlich nominiert zu werden? Um Forschung zu derartigen Fragen zu ermöglichen, wurde im Rahmen der Deutschen Wahlstudie (GLES) zur Bundestagswahl 2021 erstmals eine Nominierungsstudie durchgeführt4.

Neuland für die Wahlforschung: Die GLES Nominierungsstudie 2021

Ziel der GLES Nominierungsstudie 2021 war es, Daten über die innerparteilichen Bewerber*innen und die Prozesse zur Nominierung von Wahlreiskandidat*innen zu sammeln und für die Forschung bereitzustellen. Die Erhebung erfolgte zwischen Oktober 2020 und Februar 2022 über Recherchen geschulter studentischer Hilfskräfte sowie durch eine Online-Umfrage unter Vertreter*innen der Parteiverbände vor Ort. Im Fokus standen die sieben großen Parteien: CDU, CSU, SPD, AfD, FDP, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Insgesamt 1.785 Personen wurden als Wahlkreiskandidat*innen von diesen Parteien nominiert. Darüber hinaus konnten weitere 448 (unterlegene) Gegenbewerber*innen erhoben werden.

Werden die Chancen für eine Wahlkreiskandidatur von demografischen Personeneigenschaften beeinflusst?

Ein Beispiel, wie die Daten der GLES Nominierungsstudie 2021 in der Forschung genutzt werden können, liefert eine kürzlich erschienene Studie, in der die Autoren sich dafür interessierten, ob nicht-männliche Personen und Personen, die einer ethnischen Minderheit angehören, geringere Chancen haben, innerhalb von Parteien als Wahlkreiskandidat*innen aufgestellt zu werden5. Dazu ergänzten sie die Daten der GLES Nominierungsstudie 2021 um Informationen darüber, ob eine Person anhand erkennbarer Merkmale einer ethnischen Minderheit zugeordnet werden kann.6 Die Autoren gingen von der Hypothese aus, dass beide Aspekte – nicht-männlich zu sein und augenscheinlich einer ethnischen Minderheit anzugehören – die Chancen verringern von einer Partei als Wahlkreiskandidat*in nominiert zu werden. Zusätzlich vermuteten sie, dass dieser Nachteil bei Parteien stärker auftritt, die eher traditionalistische gesellschaftliche Werte vertreten und/oder immigrationsskeptische Positionen einnehmen.

Betrachtet man die Anteile nicht-männlicher Personen in Wahlkreisen mit innerparteilicher Kampfkandidatur um die Wahlkreisnominierung in den verschiedenen Parteien, so zeigt sich, dass die Erwartungen der Autoren nicht ganz zutreffen (siehe Abbildung 1, linke Seite)7: Während der Anteil nicht-männlicher Personen wie erwartet bei den Grünen (38 %) deutlich höher lag als bei der AfD (7 %), war dieser Anteil auch bei der CSU (43 %) hoch. Bei der SPD (31 %) und bei der CDU (29 %) lag der Anteil sehr nah beieinander, genauso wie bei DIE LINKE (25 %) und bei der FDP (21 %). Ein ähnliches Bild, zeigt sich, wenn man die Erfolgsquoten nicht-männlicher Personen innerhalb der einzelnen Parteien betrachtet (siehe Abbildung 1, rechte Seite).


Betrachtet man jedoch die Anteile von Personen aus ethnischen Minderheiten bei innerparteilich umkämpften Wahlkreisen, so zeigt sich, dass die Vorhersage der Autoren recht genau zutrifft (siehe Abbildung 2, linke Seite): Die Anteile von Personen aus ethnischen Minderheiten waren bei der SPD (19 %), bei den Grünen (11 %) und bei DIE LINKE (10 %) höher als bei FDP (8 %), CDU (6 %), AfD (7 %) und CSU (0 %). Noch deutlicher zeigt es sich, wenn man die Erfolgsquoten von Personen aus ethnischen Minderheiten in den verschiedenen Parteien betrachtet (siehe Abbildung 2, rechte Seite).

Ein interessantes Bild zeigt sich auch, wenn man die Situation in den Wahlkreisen betrachtet, bei denen nur eine Person bei der innerparteilichen Abstimmung zur Wahl stand. Wie Abbildung 3 zeigt, variiert der Anteil nicht-männlicher Personen und von Personen aus ethnischen Minderheiten in Wahlkreisen ohne innerparteiliche Konkurrenz erheblich zwischen den Parteien. Die höchsten Anteile nicht-männlicher Personen finden sich bei den Grünen (48 %) und der SPD (42 %), die niedrigsten Anteile bei der CSU (18 %) und der AfD (14 %). Anders sieht es aus, wenn man die Anteile an Personen aus ethnischen Minderheiten betrachtet: Dieser Anteil ist bei DIE LINKE (14 %), der FDP (12 %) und der SPD (10 %) am höchsten und interessanterweise bei der AfD (9 %) höher als bei den Grünen (7 %). Letzteres könnte daran liegen, dass deutsche Spätaussiedler aus Russland in der AfD überdurchschnittlich stark vertreten sind.

Fazit

Der Weg zur Nominierung für eine Wahlkreiskandidatur in den Parteien ist für unterschiedliche demografische Gruppen unterschiedliche schwer. Die Analysen von Debus und Himmelrath (2024) mit den Daten der GLES Nominierungsstudie 2021 zeigen, dass insbesondere Frauen und Personen mit Hintergrund einer ethnischen Minderheit geringere Chancen haben, nominiert zu werden, wobei diese Effekte sich aber je nach Parteigruppe stark unterscheiden. Mit der GLES Nominierungsstudie 2021 können, neben anderen sehr spannenden Forschungsfragen, zentrale Aspekte der politischen Repräsentation in demokratischen Gesellschaften untersucht werden, die in der Literatur insbesondere zur Nominierung von Wahlkreiskandidat*innen in Deutschland bislang noch wenig Beachtung gefunden haben.

References

  1. Pitkin, H. F. (1967). The Concept of Representation. Berkeley: University of California Press.
  2. Hardy, B. W. (2014). Candidate Traits and Political Choice. In K. Kenski & K. H. Jamieson (Eds.), The Oxford Handbook of Political Communication (Vol. 1). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780199793471.013.017_update_001
  3. Siehe jedoch etwa Reiser (2022) oder zu den Determinanten der Listenaufstellungen Höhne et al. (2023):

    Reiser, M. (2022). Strategies of the Party Selectorate: The Two-Level Game in District Selections in Germany’s Mixed Member Electoral System. Frontiers in Political Science 3. https://doi.org/10.3389/fpos.2021.780235

    Höhne, B., Bouju, A., & Landwehr, D. (2023). Supporting diversity on party lists: Attitudes of German party gatekeepers towards enhancing immigrant representation. Representation. https://doi.org/10.1080/00344893.2023.2221675

  4. GLES (2022). GLES Nominierungsstudie 2021. GESIS, Köln. ZA7717 Datenfile Version 1.0.0. https://doi.org/10.4232/1.13988
  5. Debus, M., & Himmelrath, N. (2024). Who Runs in the End? New Evidence on the Effects of Gender, Ethnicity and Intersectionality on Candidate Selection. Political Studies Review. https://doi.org/10.1177/14789299241226616
  6. Hinweis: Zur Wahrung des Datenschutzes ist das Anspielen derartiger Daten an die GLES Nominierungsstudie 2021 generell nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch GESIS möglich.
  7. Der Code zur Erstellung der Abbildungen ist hier verfügbar: https://osf.io/a2u9v/

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