Der Fall Jens Spahn – Was denken die Menschen in Deutschland über die Leihmutterschaft?

Am 18. Juli 2026 ist Jens Spahn als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückgetreten. Der Grund hierfür war seine Mitteilung, dass er mithilfe einer Leihmutter in den USA Vater geworden sei, was in Deutschland eigentlich verboten ist. Die darauffolgende Debatte hat gezeigt, dass die Meinungen dazu, ob dieses Verbot aktuell noch Sinn macht, in der deutschen Gesellschaft und auch in den politischen Parteien auseinandergehen. Um genauer zu prüfen, was die Menschen in Deutschland zu dieser Frage denken, haben wir uns die Daten der ALLBUS-Studie aus dem Jahr 2023 angeschaut.
On 18 July 2026, Jens Spahn stepped down as chair of the CDU/CSU parliamentary group in the Bundestag because of his becoming a father though a surrogate mother in the U.S., which is actually banned in Germany. The ensuing debate has shown that opinions on whether this ban still makes sense today are divided within German society and among political parties. To examine more closely what people in Germany think about this issue, we looked at data from the 2023 ALLBUS study, in which we asked a question on this very topic.
DOI: 10.34879/gesisblog.2026.128
Was zeigen die Daten?
In der Erhebung für den ALLBUS 2023 war eine Frage enthalten, die sich mit der Thematik der Leihmutterschaft beschäftigt. Die genaue Formulierung war: „Wie beurteilen Sie die folgenden Alternativen? Ein Paar bezahlt eine Frau, damit diese ein Kind für sie austrägt.“ Die Antwortkategorien bewegten sich zwischen -3 („sehr falsch“) und 3 („sehr richtig“).
Zunächst zeigen die Daten, dass 2023 fast die Hälfte der Teilnehmer*innen (48,4 %) das Leihmutterschaftsverfahren für eher bis sehr falsch hält (siehe Abbildung 1). Interessant ist dabei, dass fast 22 % der Teilnehmer*innen 2023 noch gar keine Meinung dazu hatten oder ihre Meinung nicht mit uns teilen wollten. 29,7 % der Teilnehmer*innen halten das Verfahren hingegen für eher bis sehr richtig.

Als Nächstes sind wir der Frage nachgegangen, wie sich die Einstellung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zur Leihmutterschaft unterscheidet. Unterscheiden sich die Einstellungen zum Leihmutterschaftsverfahren je nach Bildungsgrad? Oder ist es vielleicht eine Frage des Alters? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Religiosität und der Einstellung zur Leihmutterschaft?
Die Daten zeigen, dass Teilnehmer*innen mit einem Hochschulabschluss einer Leihmutterschaft tendenziell positiver gegenüberstehen. Auf einer Skala von -3 bis +3 liegt der Mittelwert bei den Teilnehmer*innen mit Hochschulabschluss bei -0,28, bei den Teilnehmer*innen ohne Hochschulabschluss bei -0,67. Somit liegt der Mittelwert der Gruppe ohne Hochschulabschluss näher an -1 und damit etwas negativer.

Betrachtet man die Unterschiede nach Alter, so wird deutlich, dass die Ablehnung mit zunehmendem Alter wächst. Während der Mittelwert der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen bei 0,43 liegt, ist er bei der ältesten Gruppe bei -1,34 zu finden.

Auch die Religion macht einen kleinen Unterschied: Je religiöser unsere Befragten sind, desto größer ist ihre Ablehnung. Während der Mittelwert bei Menschen, die gar nicht oder kaum religiös sind, näher bei 0 (im negativen Bereich) liegt, liegt er bei Teilnehmer*innen, die mittel oder stark religiös sind, näher an -1.

Abschließend bleibt noch die Frage, inwieweit die Meinungen zur Leihmutterschaft in Deutschland mit der Wahlabsicht zusammenhängen. Unsere Daten zeigen, dass kein Lager Leihmutterschaft mehrheitlich befürwortet. Die Mittelwerte zeigen, dass diejenigen, die angegeben haben, „am nächsten Sonntag“ Bündnis 90/Die Grünen wählen zu wollen, am wenigsten gegen die Leihmutterschaft sind. Wer laut Angabe die CDU/CSU wählen würde, zeigt im Schnitt eine negativere Einstellung, die näher an -1 liegt.

War es richtig, dass sich die CDU von Jens Spahn als Fraktionschef verabschiedet hat? Stand sein Vorgehen in starkem Widerspruch zu den Einstellungen seiner Wählerschaft? Laut unseren Daten ist die Antwort eindeutig, sofern sich in der Gesellschaft seit 2023 nichts Wesentliches verändert hat.
Was ist der ALLBUS?
Der ALLBUS (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) wird seit 1980 in Westdeutschland und seit 1992 in ganz Deutschland alle zwei Jahre erhoben. Die Befragung wird stets von wissenschaftlicher Forschung begleitet, die sicherstellt, dass die bestmögliche Umfragemethodik für den ALLBUS zum Einsatz kommt. Neben einem festen Kern wiederkehrender Fragen, die Vergleiche über die Zeit ermöglichen, nimmt der ALLBUS regelmäßig neue Fragen auf, vor allem zu Politik, Migration, Ungleichheit und Religion. Fragebogenentwicklung und Stichprobenziehung folgen hohen wissenschaftlichen Standards und werden fortlaufend durch methodische Forschung begleitet.
Die ALLBUS-Stichprobe basiert auf einer Zufallsauswahl. Dadurch hat jede Person eine statistisch nachvollziehbare Wahrscheinlichkeit, im ALLBUS teilzunehmen. Da die Teilnahme freiwillig ist, nimmt nicht jede eingeladene Person teil. Manche haben keine Zeit, andere fühlen sich von den Themen nicht angesprochen. Die Vielfalt der Gesellschaft lässt sich deshalb nie vollständig abbilden. Die Verteilung zentraler Merkmale unter den Befragten liegt aber nah an den Werten der amtlichen Statistik.
Zusammenfassung
Alles in allem zeigen die Daten, dass die deutsche Gesellschaft im Jahr 2023 mehrheitlich der Meinung war, dass Leihmutterschaft falsch ist. Allerdings sehen wir, dass jüngere Menschen und Menschen mit Hochschulabschluss positiver dazu stehen als ältere. Es wäre daher interessant, die Frage in fünf bis zehn Jahren erneut zu stellen, um zu sehen, ob die deutsche Gesellschaft durch die Verbreitung von Bildung und die natürliche Kohortenprogression vielfältiger und offener gegenüber der Leihmutterschaft wird oder ihre konservative Haltung beibehält bzw. sogar verstärkt.
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