Alte Ressentiments im neuen Gewand: Wie Corona-Verschwörungen Vorurteile stärken

Der Schriftzug "CONSPIRACY THEORIES" auf einer alten Schreibmaschine in Schwarz und Rot.

Die Corona-Pandemie bleibt weiter ein wichtiges Experimentierfeld für die Sozialwissenschaften. Niemals zuvor schienen so viele Verschwörungstheorien, d.h. unbegründete Überzeugungen, dass wichtige Ereignisse in der Welt von böswilligen und mächtigen Gruppen im Geheimen kontrolliert werden, gleichzeitig zu kursieren – von mikrochiptragenden Impfungen bis hin zu „geheimen Eliten“, die das Virus absichtlich freigesetzt hätten. Aber bleibt es bei diesen abstrusen Behauptungen, oder hat der Glaube an solche Mythen über die Pandemie hinaus gesellschaftliche Folgen? Eine neue Studie in der Fachzeitschrift „Psychological Reports“ zeigt in Bezug auf Vorurteile gegenüber ethnischen Minderheiten: Verschwörungsglauben wirkt wie ein Brandbeschleuniger für solche Vorurteile – und zwar gegenüber ganz unterschiedlichen Minderheiten.

The coronavirus pandemic remains an important field of experimentation for the social sciences. Never before have so many conspiracy theories, i.e. unfounded beliefs that important events in the world are secretly controlled by malicious and powerful groups, seemed to circulate at the same time – from microchip-carrying vaccinations to ‘secret elites’ who deliberately released the virus. But are these abstruse claims just that, or does belief in such myths have social consequences beyond the pandemic? A new study in the journal Psychological Reports shows that, when it comes to prejudice against ethnic minorities, belief in conspiracy theories acts as an accelerant for such prejudice – and indeed against a wide range of minorities.

DOI: 10.34879/gesisblog.2025.109


Wer an Verschwörungen glaubt, sucht Sündenböcke – quer durch alle Gruppen

Das Forscher*innenteam um Alexander Jedinger, Marcus Eisentraut und Lena Masch untersuchte anhand von Sekundäranalysen querschnittlicher und längsschnittlicher Umfragedaten aus Deutschland, ob und wie COVID-19-bezogene Verschwörungstheorien mit Einstellungen zu ethnischen Minderheiten in Deutschland verknüpft sind. Hintergrund war die Sündenbock-Hypothese, die davon ausgeht, dass bestimmte Gruppen für negative Ereignisse verantwortlich gemacht werden, obwohl deren Ursachen woanders liegen.

Vorangegangene Forschungen hatten bereits gezeigt, dass z. B. asiatisch aussehende Menschen zu Beginn der Pandemie vermehrt Diskriminierung erfuhren. Doch bleiben Verschwörungsnarrative auf direkt mit dem Virus assoziierte Gruppen beschränkt? Die Antwort ist ein klares Nein. In ihren Analysen zeigen die Wissenschaftler*innen: Wer an COVID-19-Verschwörungserzählungen glaubt, hat häufiger Vorurteile, nicht nur gegenüber Asiat*innen, sondern auch gegenüber Muslim*innen, Jüd*innen, Migrant*innen und Geflüchteten – ganz unabhängig davon, ob diese Gruppen im Pandemiekontext überhaupt in Erscheinung traten.

Krisenerzählungen und Gruppenpsychologie: Wie sich der Wunsch nach Kontrolle auf Vorurteile auswirkt

Auf der Suche nach Erklärungen für diesen Zusammenhang beziehen sich die Studienautor*innen u.a. auf die sogenannte Group-Based-Control-Theorie: In Krisenzeiten empfinden viele Menschen Kontrollverlust. Verschwörungstheorien bieten scheinbar einfache Erklärungen für diffuse Ängste – und verstärken das Bedürfnis, sich der „eigenen“ Gruppe enger verbunden zu fühlen. Oft geht das mit einer Abwertung anderer einher. Wer sich von dunklen Mächten bedroht fühlt, sucht Sündenböcke – was sich in Vorurteilen quer durch verschiedene gesellschaftliche Gruppen ausdrückt. Ob diese Gruppen als mächtig wahrgenommen werden oder eher nicht, spielt dabei eine überraschend geringe Rolle. Diese Zusammenhänge blieben auch bestehen, wenn man eine weitere klassische Erklärung von Vorurteilen, nämlich autoritäre Einstellungen, berücksichtigt.

Bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Während man annehmen könnte, dass gerade Angst vor Ansteckung oder Krankheit Xenophobie fördert, fanden die Forschenden hierfür keine Belege. Im Gegenteil: Die Angst, selbst an COVID-19 zu erkranken, reduzierte zu Beginn der Pandemie Vorurteile sogar.

Wie groß sind die Effekte? Und was folgt daraus?

Natürlich erklärt der Glaube an Verschwörungen und Autoritarismus nicht die gesamte Bandbreite an Einstellungen gegenüber Minderheiten. Aber die Analysen zeigen, dass der Einfluss von Verschwörungserzählungen auch dann bestehen bleibt, wenn Faktoren wie Alter, Bildung und politische Grundüberzeugungen in den Berechnungen berücksichtigt wurden. Die Auswertung der Längsschnittdaten macht deutlich: Wer dem Verschwörungsklima stärker ausgesetzt war, äußerte im Verlauf der Pandemie häufiger abwertende Einstellungen gegenüber Geflüchteten. Der gesellschaftliche Effekt ist also nicht zu unterschätzen. Denn wie die Autor:innen betonen, reichen Verschwörungsnarrative weit über Randgruppen hinaus – sie werden über Social Media, Protestbewegungen und teils auch in etablierten Diskursen verbreitet und behalten so ihr zerstörerisches Potenzial für demokratische Gesellschaften und das gesellschaftliche Miteinander.

Prävention und Medienkompetenz als gesellschaftliche Aufgabe

Wer also Verschwörungstheorien bekämpft, tut nicht nur etwas für die Wissenschaft, sondern auch für Integration und Demokratie. Aufklärung, Debunking, Medienkompetenz und transparente politische Kommunikation sind Schlüsselfaktoren, um dem Nährboden für ein Sündenbock-Denken entgegenzutreten.

Auch machen die Studien der Forscher*innen deutlich: Die Gefahren von Verschwörungsglauben bleiben nicht auf das Feld der „schrägen Verschwörungstheoretiker“ beschränkt. Vielmehr sind sie ein gesellschaftliches Thema, das die Stabilität von Institutionen, das Vertrauen der Bürger:innen und nicht zuletzt unsere Fähigkeit zur Solidarität betrifft. Gerade nach Krisen wie der Pandemie lohnt es sich, dies im Blick zu behalten.

Wissenschaftliche Originalpublikation:
Alexander Jedinger, Marcus Eisentraut, Lena Masch (2025): The COVID-19 Pandemic and the Search for Scapegoats: Examining the Link Between COVID-19 Conspiracy Beliefs and Ethnic Prejudice. Psychological Reports, [Online first].
DOI: https://doi.org/10.1177/00332941251372867

Dieser Beitrag wurde von Dr. Sophie Zervos mit Unterstützung von ChatGPT 4.1 auf Grundlage der wissenschaftlichen Originalpublikation erstellt und von einem der Forschenden geprüft.

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