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Zwischen Anspruch und Realität: Diskriminierung rassifizierter Wissenschaftlerinnen in europäischen Hochschulen

Leere Vorlesungshalle mit Tafel und Podium, im Vordergrund Sicht auf leere Sitzreihen.

Der Beitrag beleuchtet die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild europäischer Hochschulen als diskriminierungsfreie Orte und den Erfahrungen rassifizierter Wissenschaftlerinnen. Anke Lipinsky, Bruna Cristina Jaquetto Pereira, und Vilana Pilinkaitė Sotirovič weisen in ihrer gerade erschienenen Publikation „Embracing Paradox Realities: Racially Minoritised Women and Gender-Based Violence in Higher Education“ auf der Grundlage qualitativer Studiendaten nach, wie Machtasymmetrien, Rassismus und Sexismus die Sichtbarkeit dieser Forscherinnen verzerren und ihre Karrierechancen systematisch einschränken. Hochschulische Diversitätsstrategien individualisieren Diskriminierung, anstatt institutionelle Strukturen zu hinterfragen. Gefordert wird ein Wandel hin zu gelebter Diversität durch Repräsentation, Sensibilisierung und echter Teilhabe marginalisierter Gruppen.

The article highlights the discrepancy between European universities’ self-image as non-discriminatory institutions and the experiences of racialized female researchers. In their recently published paper “Embracing Paradox Realities: Racially Minoritised Women and Gender-Based Violence in Higher Education,” based on qualitative study data, how power asymmetries, racism, and sexism distort the visibility of these researchers and systematically limit their career opportunities. University diversity strategies individualize discrimination instead of questioning institutional structures. What is needed is a shift toward diversity in practice through representation, awareness-raising, and genuine participation of marginalized groups.

DOI: 10.34879/gesisblog.2025.104


Europäische Hochschulen und Forschungseinrichtungen präsentieren sich meist als offene, diverse und diskriminierungssensible Orte. Räume, in denen Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder weiteren Eigenschaften forschen, lehren und lernen. Diversity-Management, Gleichstellungs- und Anti-Diskriminierungsstrategien gelten vielerorts als etablierte Standards. Initiativen wie das Manifest der League of European Research Universities (2019) betonen die Verantwortung der Hochschulen, Benachteiligungen aktiv entgegenzuwirken. Aber: Diskriminierung, insbesondere an den Schnittstellen von Geschlecht, Rassifizierung und sozialer Herkunft, ist im europäischen Wissenschaftssystem kein Randphänomen, sondern strukturell verankert.

Anke Lipinsky, Bruna Cristina Jaquetto Pereira, und Vilana Pilinkaitė Sotirovič zeigen, wie institutionelle Routinen und Machtstrukturen geschlechtsbezogene Gewalt im Hochschulbereich systematisch unsichtbar machen, vor allem dann, wenn sie mit rassistischer Diskriminierung verflochten sind. Grundlage ihrer Analyse sind qualitative Interviews aus dem EU-geförderten Forschungsprojekt UniSAFE mit 12 rassifizierten Wissenschaftlerinnen und einem männlichen Bystander. Die Interviews zeigen: Machtasymmetrien, Rassismus und patriarchale Strukturen sind tief in den Hochschulen verwurzelt. Gleichstellungsstrategien gehen oft an der Lebensrealität marginalisierter Gruppen vorbei.

Paradoxe Sichtbarkeit und kulturelle Marginalisierung

Viele der befragten Wissenschaftlerinnen erleben eine paradoxe Sichtbarkeit: Einerseits werden sie an den Hochschulen in Europa durch ihr Aussehen, ihre Sprache oder Herkunft sichtbar (durch Mechanismen des Othering), andererseits werden ihre Leistungen, Perspektiven und Anliegen weniger wahrgenommen oder herabgesetzt. Informelle Netzwerke, Intransparenz bei der Aufgabenzuteilung, sowie ein prekäres Beschäftigungssystem sorgen dafür, dass rassifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen systematisch benachteiligt werden. Die Forscherinnen berichten von Ausgrenzung, etwa durch gezielte Verwendung der Landessprache oder durch Spott über Akzente. Hinzu kommt, dass rassifizierte Wissenschaftlerinnen oft nicht gehört werden: Wenn sie sich beispielsweise gegen Benachteiligung wehren, indem sie diese ansprechen, wird abgewiegelt. Manchmal wehren sie sich aber auch erst gar nicht, weil sie davon ausgehen, dass Zurückhaltung erwartet wird. Betroffene suchen eher informelle Unterstützung durch Kolleg*innen oder Freund*innen, da sie universitären Stellen misstrauen und Repressalien fürchten. Statt Förderung begegnet ihnen Misstrauen, statt Gleichstellung stereotype Erwartungen und Mikroaggressionen. Das „Othering“ trägt zur Aufrechterhaltung systemischer abwertender Strukturen bei, die Rassismus lediglich oberflächlich anerkennen und die selten grundlegend hinterfragt werden. Gleichzeitig prägt „Weißsein“ als implizite Norm das akademische Umfeld.

Die Autorinnen der Studie zeigen, dass insbesondere Wissenschaftlerinnen aus dem Globalen Süden oder aus nicht-westlichen Ländern Benachteiligung bei der Aufgabenverteilung und in Karriereentscheidungen in den Hochschulen in Europa erleben. Ihnen werden häufig wenig karriereförderliche Aufgaben in der Lehre und der akademischen Sorgearbeit zugeteilt.

Systematische Barrieren und der Mythos gelebter Diversität

Die Autorinnen stellen fest, dass institutionelle Strukturen die Verwirklichungschancen marginalisierter Wissenschaftler*innen einschränken, und bestehende Gleichstellungspolitiken die strukturelle Benachteiligung nur unzureichend berücksichtigen. Beschwerden über Diskriminierung werden häufig als Einzelfälle behandelt. Infolge mangelnden Engagements auf der Leitungsebene bleibt die tatsächliche Umsetzung von Chancengerechtigkeit oft deutlich hinter den formulierten Zielsetzungen der Hochschulen zurück.

Trotz der öffentlichen Bekenntnisse zu Gleichstellung, bleibt die Verwirklichung echter Karrierechancen für rassifizierte Wissenschaftlerinnen an den Hochschulen Europas stark eingeschränkt. Dieser strukturelle Ausschluss blockiert nicht nur individuelle Laufbahnen, sondern verhindert auch den institutionellen Wandel zu mehr Vielfalt in der Wissenschaft. Eine verbreitete Kultur des Schweigens gegenüber Rassismus und Sexismus führt dazu, dass Verantwortliche selbst bei offensichtlichen Vorfällen nicht umfassend handeln, was das Vertrauen in den gesetzlichen Schutz untergräbt, und Diskriminierung normalisiert.

Die in Hochschulen etablierten Gleichstellungs- und Diversitätsmaßnahmen greifen demnach oft zu kurz und greifen die eigentlichen Machtverhältnisse nicht an. Sie behandeln Diskriminierung als individuelles Problem, nicht als Ausdruck mangelhafter institutioneller Strukturen. Die Studie fordert daher einen Wandel: Hochschulen müssen Diversität nicht nur behaupten, sondern aktiv gegen Benachteiligung vorgehen. Dazu gehört beispielsweise der Aufbau von relevanter Expertise in Leitungspositionen, verpflichtende Schulungsangebote gegen intersektionale Diskriminierung, kompetente Beratungsstellen, sowie eine kritische Auseinandersetzung mit einer westlich geprägten „weißen“ Hochschulkultur.


Lipinsky, A., Jaquetto Pereira, B., & Pilinkaitė Sotirovič, V. (2025). Embracing Paradox Realities: Racially Minoritised Women and Gender‐Based Violence in Higher Education. Social Inclusion, 14, Article 9825. https://doi.org/10.17645/si.9825

Dieser Artikel wurde von Sophie Zervos und Inke Ammermann mit Unterstützung von KI (DeepL und ChatGPT-4.1) auf Grundlage der wissenschaftlichen Originalpublikation erstellt, und von einer Autorin des zugrundeliegenden Originaltextes geprüft.

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