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Wenn Wählen zur Geschlechterfrage wird

Eine Person, die ihren Wahlzettel in eine Abstimmungsurne einwirft.

Angela Merkel war sechzehn Jahre Bundeskanzlerin. Während ihrer Regierungszeit konnten einige wichtige Gleichstellungerfolge erzielt werden, wie die Möglichkeit zur gleichgeschlechtlichen Heirat oder die Offenlegung des Gender Pay Gaps. Viele erhofften sich im Anschluss an ihre Regierungszeit mehr Geschlechtergerechtigkeit. Tatsächlich blieben misogyne Strukturen aber in der Öffentlichkeit erhalten, wie eine neue Studie von Jessica Fortin-Rittberger (Universität Salzburg) und Christina Eder (GESIS) zeigt: Tief verankerte Rollenvorstellungen und negative Einstellungen gegenüber Frauen beeinflussten demnach nicht nur die Ablehnung weiblicher Kanzlerkandidatinnen, sondern unterstützen auch die Wahl konservativer und liberaler Parteien.

Angela Merkel was German Chancellor for sixteen years. During her time in office, a number of important achievements in gender equality were made, such as the legalization of same-sex marriage and the disclosure of the gender pay gap. Many hoped that her term in office would lead to greater gender equality. However, misogynistic structures remained in place in public life, as a new study by Jessica Fortin-Rittberger (University of Salzburg) and Christina Eder (GESIS) shows: Deeply entrenched role models and negative attitudes toward women not only influenced the rejection of female chancellor candidates, but also supported the election of conservative and liberal parties.

DOI: 10.34879/gesisblog.2025.100


Weltweit wird Sexismus als möglicher Erklärungsansatz für politische Einstellungen herangezogen– so zeigt beispielsweise die US-Wahl 2016, dass Sexismus eine große Rolle für Trumps Wahlerfolg spielte. Auch in anderen Ländern, wie Großbritannien, Norwegen, Spanien, Schweden oder der Schweiz entpuppte sich Sexismus als Einflussfaktor auf das Wahlverhalten in Demokratien. Dabei werden in der Literatur vor allem zwei theoretische Wege unterschieden: Zum einen die Einsicht, dass stereotype sexistische Vorstellungen weibliche Kandidatinnen abstrafen, zum anderen, dass Parteien – insbesondere rechte populistische Parteien –sexistische Denkmuster durch ihre Rhetorik hervorrufen.

Um diese beiden theoretischen Ansätze auch für Deutschland zu untersuchen, bot die Bundestagswahl 2021 den beiden Autorinnen der Studie „Disentangling different types of sexist attitudes and vote choice in Germany“ einen aus ihrer Sicht besonders geeigneten Rahmen, um den Einfluss sexistischer Einstellungen auf die Bewertungen von Kandidat*innen und die Wahlentscheidung zu untersuchen. Zum einen war mit Angela Merkel 16 Jahre eine Frau als Kanzlerin in der Führungsposition. Es ist also davon auszugehen, dass die Wähler*innen mit einer Frau an der Macht vertraut waren. Da Merkel sich nicht erneut aufstellen ließ stand weiterhin kein/e aktuelle/r Amtsinhaber*in zur Wahl. Und schließlich konkurrieren in Deutschland nicht direkt verschiedene Kanidat*innen sondern das vielfältige Parteiensystem bietet ein geschlechteroffenes Testfeld.

Die Autorinnen der Studie unterscheiden drei Formen von Sexismus: feindlichen, modernen und wohlwollenden Sexismus, wobei Sexismus im Grundsatz als Ablehnung von Geschlechtergerechtigkeit verstanden wird. Während feindlicher Sexismus Frauen direkt abwertet, leugnet der moderne Sexismus bestehende Benachteiligungen. Wohlwollender Sexismus hingegen erscheint zunächst positiv – etwa, wenn Frauen beschützt werden sollen –, reproduziert nichtsdestotrotz traditionelle Rollenbilder. Basierend auf einer Panel-Online-Befragung vor und nach den Bundestagswahlen zeigt die Studie: Vor allem feindseliger Sexismus spielt eine herausragende Rolle beim Wahlverhalten. Besonders kritisch war das für Annalena Baerbock (Grüne) als einziger Frau unter den Kanzlerkandidat*innen, die die Parteien aufgestellt hatten. Diese Tatsache traf sogar auf progressive Wähler*innen der Grünen zu. Für die männlichen Kandidaten ließ sich indes kein negativer Effekt erkennen. Zugleich trug feindseliger Sexismus zur Wahl von AfD, FDP und CDU/CSU bei.

Zusammenfassend konnten die Forscherinnen zeigen, dass es deutliche sexistische Einstellungen aller drei Kategorien in der deutschen Bevölkerung gibt. Sexismus beeinflusst das politische Geschehen und wird gemeinhin unterschätzt – auch in Deutschland. Besonders starken Einfluss auf die Wahlen hat der feindselige Sexismus, der sich gegen weibliche Kandidatinnen auswirkt. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass feindseliger Sexismus vor allem gegen Parteien wirksam ist, die klar für Gleichstellung stehen wie z.B. die Grünen. Darüber hinaus konnte aber auch gezeigt werden, dass feindseliger und moderner Sexismus mit der Wahl von AfD, CDU/CSU und FDP korrelieren. Das heißt, nicht nur populistische Parteien profitieren, sondern auch demokratische Parteien der sogenannten Mitte. Wohlwollender Sexismus indes kommt überall gleichermaßen vor und spielt keine nachweisbare Rolle für die Wahl. Insgesamt entsteht das Bild, dass geschlechterbezogene Vorurteile sehr tief in Wahlentscheidungen eingreifen – unabhängig von der Partei.

Fortin-Rittberger, Jessica, and Christina Eder. 2025. “Disentangling different types of sexist attitudes and vote choice in Germany.” Political Research Exchange (PRX) 7 (1): 1-20.
doi: https://doi.org/10.1080/2474736X.2025.2508382.

Dieser Artikel wurde von Dr. Sophie Zervos mit Unterstützung von KI auf Grundlage der wissenschaftlichen Originalpublikation erstellt, und von den Forschenden geprüft.

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