
Am 5. November 2024 beantragte Olaf Scholz die Entlassung von Finanzminister Christian Lindner beim Bundespräsidenten. Darüber zerbrach die Regierungskoalition, und es kam zu vorgezogene Bundestagswahlen. Statt im September sollte schon im Februar 2025 gewählt werden. Dies stellt die deutsche Wahlstudie GLES (German Longitudinal Election Study) vor die Herausforderung, sämtliche Umfrageprogramme innerhalb weniger Wochen, statt wie geplant in einem knappen Jahr, zu realisieren. Der Beitrag zeigt, wie das Design der GLES 2025 zur vorgezogenen Bundestagswahl aussieht.
On November 5, 2024, Olaf Scholz applied to the Federal President for the dismissal of Finance Minister Christian Lindner. The governing coalition collapsed over this and early federal elections were called. Elections were to be held in February 2025 instead of September. This presents the German Longitudinal Election Study (GLES) with the challenge of implementing all survey programs within a few weeks instead of in just under a year as planned. The article shows what the design of the GLES 2025 for the early Bundestag elections looks like.
DOI: 10.34879/gesisblog.2025.90
Als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2005 die Vertrauensfrage stellte, löste er nicht nur ein politisches Beben aus, das die Ära Merkel einläutete, sondern verursachte auch einen Urknall in der deutschen akademischen Wahlforschung. Während die vorgezogene Wahl für die Wahlberechtigten nur bedeutete, dass sie früher als gedacht eine Wahlentscheidung treffen mussten, standen die Wissenschaftler*innen vor einer großen Herausforderung: Eine institutionalisierte und auf Dauer durch öffentliche Mittelgeber finanzierte deutsche Wahlstudie existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das bedeutete, dass innerhalb kürzester Zeit nicht nur Fragebögen entwickelt, sondern überhaupt erst einmal Geld beantragt werden musste, um Erhebungen zur Wahl durchführen zu können.
Dass heute Daten zu dieser Wahl vorliegen (zum Beispiel ZA4332 oder ZA4991) belegt zwar, dass dies zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005 gelang, die Herausforderungen waren aber groß. So groß, dass sich im Anschluss renommierte Forscher*innen zusammentaten und die Deutsche Gesellschaft für Wahlforschung (DGfW) gründeten. Ein zentrales Vereinsziel lautete, eine deutsche nationale Wahlstudie zu gründen und auf Dauer zu institutionalisieren, so dass sichergestellt wird, zu jeder Bundestagswahl eine Wahlstudie durchführen zu können – auch bei vorgezogenen Wahlen. Die Idee der German Longitudinal Election Study (GLES) war geboren.
Nachdem am 5. November 2024 Bundeskanzler Olaf Scholz von der SPD nach länger schwelenden Konflikten bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Entlassung von Finanzminister Christian Lindner von der FDP beantragt, worüber die Regierungskoalition zerbrach, steht die wissenschaftliche Wahlforschung also wieder vor einer ähnlichen Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit eine Wahlstudie zu realisieren. Dank der Initiative und Arbeit der DGfW kann die wissenschaftliche Gemeinschaft nun auf die bei GESIS institutionalisierte Wahlstudie zurückgreifen: die GLES. Diese wird von GESIS in enger Zusammenarbeit mit der Koordinationsgruppe GLES (KG GLES), welche sich aus dem Vorstand der DGfW zusammensetzt, durchgeführt.
Design der GLES 2025
Musste 2005 vieles erst noch entwickelt und organisiert werden, ist die GLES auch in der Situation der vorgezogenen Bundestagswahl gut vorbereitet. Die Finanzierung ist gesichert, organisatorische und administrative Prozesse sind etabliert und eingearbeitetes Personal kann auf die Erfahrungen aus vergangenen Erhebungen zurückgreifen. So wurde nach dem Bruch der Regierungskoalition innerhalb weniger Tage ein angepasstes Design für die Bundestagswahl 2025 entwickelt, welches sich im Umfang nur in geringem Maße von dem Design unterscheidet, welches für eine reguläre Bundestagswahl im Herbst geplant war.
Kernanliegen der GLES ist die Erklärung der politischen Einstellungen, Präferenzen und Verhaltensweisen der Wahlberechtigten und Kandidierenden in Deutschland. Aus diesem Grund führt die GLES vor und nach Bundestagswahlen regelmäßig unterschiedliche Datenerhebungen durch. Mit diesen kann eine Vielzahl von wesentlichen Fragen der Wahlforschung in quer- und längsschnittlicher Perspektive untersucht werden.
Die GLES-Daten erlauben sowohl die Analyse kurzfristiger Dynamiken im Verlauf von Bundestagswahlkämpfen als auch langfristiger sozialer Wandlungsprozesse zwischen einzelnen Wahlen. Dabei legt die GLES ihr Augenmerk nicht nur auf die Seite der Wahlberechtigten, sondern untersucht auch die Kandidierenden. Die Fragebögen der GLES sind über die Studienteile hinweg aufeinander abgestimmt. Darüber hinaus ist die GLES mit international-komparativen Studien verbunden. Im Nachwahl-Querschnitt werden die deutschen Daten für die Comparative Study of Electoral Systems (CSES) erhoben und in der Kandidierendenstudie die des Comparative Candidates Survey (CCS). In beiden internationalen Programmen werden Daten aus verschiedenen Ländern gesammelt, damit Analysen über Ländergrenzen hinweg einfacher möglich werden. Anschlussfähig ist sie zudem auch zu anderen Projekten, wie beispielsweise zu einem Projekt, welches die Social Media Daten von Kandidierenden untersucht.
Im Folgenden werden die verschiedenen Studienteile der GLES detailliert vorgestellt.
GLES Querschnitt 2025
Bis 2021 gab es im Rahmen der GLES sowohl einen Vorwahl- als auch einen Nachwahl-Querschnitt. Ab 2025 geht der Vorwahl-Querschnitt in der Rolling Cross-Section-Studie auf, während ein eigenständiger Nachwahl-Querschnitt erhoben wird. Da für viele Studien die Daten aus Vor- und Nachwahl-Querschnitt gemeinsam analysiert werden, wird im Nachwahl-Querschnitt 2025 zum Ausgleich eine erhöhte Fallzahl von rund 7.000 Interviews angestrebt. Wie schon zur Bundestagswahl 2021 wird die Befragung in einem Mixed-Mode-Design mit Online- (CAWI) und Papierfragebögen (PAPI) durchgeführt. Die Basis der rund einstündigen Befragung ist eine mehrstufig geschichtete Zufallsstichprobe. Eine zentrale Herausforderung der vorgezogenen Bundestagswahl ist die Realisierung einer Registerstichprobe, da für die Ziehung einer Registerstichprobe normalerweise mehrere Monate eingeplant sind. In Zusammenarbeit mit dem beauftragten Erhebungsinstitut wird jedoch versucht, möglichst viele Adressen durch die Gemeinden zu erhalten.
Zudem wird im Nachwahl-Querschnitt der deutsche Teil der CSES (Comparative Study of Electoral Systems) erhoben.
GLES Rolling Cross-Section 2025
Welche schnellen Veränderungen und Dynamiken in politischen Einstellungen, Meinungen und Verhaltensabsichten treten während des Wahlkampfes auf? Die GLES Rolling Cross-Section (RCS) wird zur Bundestagswahl über einen verkürzten Zeitraum von 47 Tagen täglich rund 160 Interviews durchführen.
Neben der veränderten Erhebungsdauer gibt es bei der RCS-Studie 2025 einige Neuerungen: Durch die Verschmelzung von Vorwahl-Querschnitt und RCS soll ein umfangreicheres Fragenprogramm realisieren werden. Dazu wird die RCS-Vorwahl um eine Ergänzungswelle erweitert. Dabei werden alle Befragten nach ihrem ersten Interview nochmals eingeladen, um stabile Merkmale wie etwa ihre Soziodemographie zu erheben.
Zusätzlich wird, wie auch in den letzten Jahren, eine Nachwahl-Panelwelle durchgeführt – dieses Mal aber ebenfalls im RCS-Design.
Eine weitere Veränderung betrifft den Befragungsmodus: Statt telefonisch wird nun online über ein probabilistisches Panel befragt.
GLES Panel
Wie verändern sich die politischen Einstellungen und das Wahlverhalten der Wahlberechtigten im Verlauf von Bundestagswahlkämpfen sowie zwischen Bundestagswahlen? Durch die Verbindung von multiplen nah aufeinander folgenden Befragungen vor und während der Wahlkampagnen mit der langfristigen Wiederbefragung nach und zwischen Bundestagswahlen in einem komplexen Erhebungsdesign sowie durch das umfassende und flexibel auf aktuelle Entwicklungen angepasste Frageprogramm stellt das GLES Panel ein einzigartiges und innovatives Element der Forschung zu Wahlen in Deutschland dar.
Zur Bundestagswahl 2025 sollen die rund 15.000 aktiven Teilnehmenden der existierenden Stichproben sowie rund 10.000 wahlberechtigte Personen aus einer Auffrischungsstichprobe bis zu insgesamt fünfmal während des Wahlkampfs und nach der Bundestagswahl 2025 online (CAWI) befragt werden. So können Forscherinnen und Forscher die Auswirkungen von politischen Ereignissen und der Wahlkampagnen auf politischen Einstellungswandel und politische Entscheidungsprozesse untersuchen.
GLES Tracking
Seit der Bundestagswahl 2009 bietet die GLES eine spannende Möglichkeit, die politische Stimmung in Deutschland zu und zwischen den Wahlen genau zu verfolgen. Jedes Jahr werden bis zu drei Trackings durchgeführt, die speziell darauf abzielen, kurzfristige Veränderungen in den politischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Wahlberechtigten zu messen. Diese Trackings helfen dabei, Entwicklungen und Trends im politischen Klima sichtbar zu machen und Veränderungen über die Zeit zu analysieren.
Das Kernfrageprogramm wird regelmäßig um aktuelle Themen und Fragen ergänzt. Die Befragungen werden online durchgeführt (CAWI). Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammen aus einem Online-Access-Panel. Zur Bundestagswahl wird ein Tracking direkt vor der Wahl am 23. Februar erhoben und zwei weitere im Laufe des Jahres.
GLES Kandidierendenstudie 2025
Wie sind die sind die Positionen der Kandidierenden zu den wichtigsten politischen Fragestellungen und wie führen sie ihren Wahlkampf? Im Rahmen einer umfassenden Befragung werden knapp 3.000 Kandidierende für den Deutschen Bundestag befragt – darunter alle Wahlkreis- und Listenkandidierenden der im Bundestag vertretenen Parteien. Ziel der Befragung ist es, detaillierte Informationen über die Kandidierenden zu sammeln und einen besseren Einblick in ihre politischen Einstellungen, ihre Positionen zu aktuellen Themen und ihre Kampagnenstrategien zu erhalten.
Die Befragung findet sowohl online (CAWI) als auch schriftlich (PAPI) statt, um eine möglichst breite und repräsentative Teilnehmendengruppe zu erreichen. Die Fragen drehen sich dabei nicht nur um die Kandidierenden selbst, sondern auch um ihre Rekrutierung, ihre politischen Kampagnen und ihre Positionen zu wichtigen politischen Themen. Zudem wird im Rahmen der Kandidierendenstudie der deutsche Teil des Comparative Candidates Survey (CCS) erhoben und bietet damit Anschlussmöglichkeiten an die internationale Forschung.
GLES Nominierungsstudie 2025
Die Wahl der richtigen Kandidatinnen und Kandidaten ist ein entscheidender Bestandteil jeder Wahl für die Parteien. Im Rahmen der GLES Nominierungsstudie wird systematisch untersucht, wie die Wahlkreiskandidierenden aller Parteien, die im Bundestag vertreten sind, von ihren Parteien nominiert werden.
Zur Bundestagswahl 2025 erfolgt die Datenerhebung durch Internetrecherchen, um umfassende und verlässliche Informationen zu den parteiinternen Nominierungsverfahren zu sammeln. Die Studie beleuchtet, wie Kandidierende für die einzelnen Wahlkreise ausgewählt werden und welche parteiinternen Prozesse dabei eine Rolle spielen.
Der Kern der Erhebung umfasst wichtige Details zum Nominierungsprozess, etwa die Stimmenanteile der Kandidierenden, die in den einzelnen Wahlkreisen um eine Nominierung konkurrieren. Doch die Nominierungsstudie geht noch weiter: Sie liefert auch wertvolle Einblicke in den politischen Hintergrund aller Kandidierenden um eine Wahlkreisnominierung und erfasst soziodemographische Merkmale, die für die Analyse von Bedeutung sind.
Wenn Sie neugierig geworden sind, freuen wir uns Sie auf den Seiten der GLES begrüßen zu dürfen, wo Sie noch weiterführende Informationen finden. Hier erhalten Sie zudem weitere Informationen zum Datenzugang! Und um in diesen spannenden Wahlzeiten immer auf dem Laufenden zu bleiben (wann sind wir im Feld, wann gibt es Daten etc.), folgen Sie uns gerne auf BlueSky und abonnieren Sie unseren Newsletter!
