
Bei der Europawahl 2024 konnte die neu gegründete Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) erfolgreich in das europäische Parlament einziehen. In diesem Blogbeitrag wird mit Längsschnittdaten des GLES Panel ein näherer Blick auf die Wählerwanderung zwischen der Bundestagwahl 2021 und der Europawahl 2023 geworfen. Unter anderem werden soziale und kulturelle Ansichten der Wähler*innen des BSW mit denen der Wähler*innen anderer Parteien verglichen. Dabei wird deutlich, dass sich die Wähler*innen des BSW schon über einen längeren Zeitraum unterschieden haben.
In the 2024 European elections, the newly founded party Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) successfully entered the European Parliament. This blog post uses longitudinal data from the GLES Panel to take a closer look at voter migration between the 2021 Bundestag elections and the 2023 European elections. Among other things, it compares the social and cultural views of BSW voters with those of voters of other parties. It becomes clear that BSW voters have differed over a longer period of time.
DOI: 10.34879/gesisblog.2024.84
Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hat in den letzten Monaten zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen und erhielt 6,2 Prozent der Stimmen bei der Europawahl 2024. Eine Erklärung für den Erfolg des BSW könnte darin liegen, dass das BSW eine spezifische Wählerbasis anspricht, die sowohl aus bisherigen Wähler*innen der LINKEN als auch unzufriedenen Wähler*innen anderer Parteien besteht. Baumann und Seikel1 sprechen im Report des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in diesem Kontext von einer Repräsentationslücke. Dementsprechend seien Wähler*innen mit linkskonservativen Einstellungen bisher in ihren Interessen von keiner Partei adäquat repräsentiert gewesen und hätten sich zwischen „Nichtwahl, Wahl einer links-liberalen Partei hinsichtlich ihrer ökonomischen Präferenzen oder der Wahl einer rechtskonservativen Partei entsprechend ihrer kulturellen, gesellschaftspolitischen Einstellung entscheiden“2 müssen3.
Die Daten des GLES Panel4 5 6 7 8 9 bieten eine besondere Grundlage zur Untersuchung der Wahl der neuen Partei BSW. Seit der Bundestagswahl 2017 werden im GLES Panel in einem längsschnittlichen Design die gleichen Personen wiederholt zu politischen Einstellungen und zu politischem Verhalten befragt. Das GLES Panel ist Teil der „German Longitudinal Election Study“ (GLES), dem größten kontinuierlichen Umfrageprogramm für Wahlforschung in Deutschland10.
Durch dieses längsschnittliche Design bietet sich mit dem GLES Panel die Möglichkeit, Merkmale und Eigenschaften von Wähler*innen bereits vor ihrer Wahlentscheidung bei der Europawahl 2024 daraufhin zu analysieren, wie sie sich verändert haben bzw. stabil geblieben sind. Der Beitrag vergleicht die Wähler*innen des BSW mit anderen Gruppen im Zeitraum zwischen der Bundestagswahl 2021 und der Europawahl 2024. In dieser Zeitspanne wurden in den Wellen 15-26 zwischen 8.469 und 15.443 Personen pro Erhebung im GLES Panel befragt.
Abbildung 1 stellt die Wählerwanderung von der Bundestagswahl 2021 zur Europawahl 2024 dar. Die Abbildung zeigt, zu welchen Anteilen Bundestagswähler*innen und Nichtwähler*innen entweder die gleiche Partei, das BSW, eine andere Partei oder gar nicht bei der Europawahl 2024 gewählt haben. Die Parteien sind auf der linken Seite nach dem relativen Anteil der Abgänge an das BSW geordnet.
Besonders die LINKE hat viele Stimmen an das BSW verloren. Von den Parteien, die im Bundestag vertreten sind, haben zudem die SPD, FDP und AfD höhere relative Abgänge an Stimmen zum BSW zu verzeichnen. Die Einstellungen der Wähler*innen, die von diesen vier Parteien zum BSW gewechselt sind, werden sich im Folgenden näher angeschaut. Hierfür haben wir in den Abbildungen 2 bis 5 Mittelwerte zu Fragen aus dem GLES Panel über den Zeitraum 2021 bis 2024 dargestellt. Für jede der vier Parteien wird zwischen drei Gruppen unterschieden: Wähler*innen, die bei der Europawahl 2024 die gleiche Partei wie bei der Bundestagswahl 2021 gewählt haben (blau), Wähler*innen, die bei der Europawahl 2024 zum BSW gewechselt sind (rot) und Wähler*innen, die eine der anderen Parteien gewählt haben (gelb).
Das BSW ist stark auf die Politikerin Sahra Wagenknecht zugeschnitten. Dementsprechend ist es interessant, die Beliebtheitswerte der Person Sahra Wagenknecht im Zeitverlauf anzuschauen und BSW-Wähler*innen mit anderen Wähler*innengruppen zu vergleichen. Abbildung 2 zeigt, dass bei jeder der vier dargestellten Parteien (AfD, DIE LINKE, FDP und SPD) bereits vor der Gründung des BSW höhere Beliebtheitswerte bei denjenigen Wähler*innen vorlagen, die bei der Europawahl zum BSW wechselten. Auffällig ist, dass die Bewertung von Sahra Wagenknecht bei den Wähler*innen des BSW von Ende 2023 hin zur Europawahl im Juni 2024 noch einmal stark angestiegen ist.
Neben der Person Sahra Wagenknecht wird die Einordnung der Wähler*innen des BSW in ein politisches Spektrum diskutiert. Baumann und Seikel (2024) kommen zu dem Ergebnis, dass diejenigen Sympathisant*innen des BSW, die bei der Bundestagswahl 2021 SPD gewählt hatten, im Schnitt kulturell konservativer seien als die SPD-Wähler*innen mit weniger Sympathie für das BSW.11 Gleichzeitig unterschieden diese sich jedoch nicht hinsichtlich ihrer ökonomischen Einstellungen. BSW-Sympathisant*innen, die zur AfD-Wählerschaft gehören, waren laut der Studie im Schnitt ökonomisch linker und kulturell liberaler im Vergleich zu AfD-Wähler*innen mit weniger Sympathie für das BSW. Wagner et al. (2023)12 berichten, dass Wähler*innen, die das BSW der LINKEN vorzogen, Migration kritischer gegenüberstünden und im Schnitt eine höhere Demokratieunzufriedenheit aufwiesen.
Betrachtet man die Links-Recht-Selbsteinstufung mit Daten des GLES Panel in Abbildung 3, zeigt sich, dass die Wähler*innen, welche zuvor AfD oder FDP gewählt haben und anschließend zum BSW wechselten, sich auf der Skala etwas weiter links einstuften als diejenigen, die mit ihrer Wahlentscheidung bei der zuvor gewählten Partei geblieben sind. Hingegen stuften sich Wähler*innen, die von DIE LINKE zum BSW gewechselt sind, im Vergleich zu denen, die weiterhin DIE LINKE gewählt haben, schon seit der Bundestagswahl auf der Skala weiter rechts ein. Bei der SPD zeigen sich hingegen keine Unterschiede.
Zur politischen Einordnung von Wähler*innen werden neben der eindimensionalen Links-Rechts-Skala noch weitere Dimensionen, wie zum Beispiel eine kulturell orientierten Links-Rechts-Dimension oder eine ökonomisch orientierte Links-Rechts-Dimension, einbezogen.13 14 Im Folgenden haben wir beispielhaft die Einstellungen gegenüber der Zuzugsmöglichkeit von Ausländern und gegenüber dem Sozialstaat dargestellt.
Betrachtet man die Einstellungen zur Zuzugsmöglichkeit von Ausländern (Abbildung 4), welche sich der kulturellen Dimension zuordnen lässt, fällt auf, dass Wähler*innen, die bei der Bundestagswahl die AfD gewählt haben, durchgängig für eine Einschränkung der Zuwanderung gewesen sind. Dies gilt unabhängig davon, ob sie bei der AfD blieben oder zum BSW bzw. zu einer anderen Partei wechselten. Bei DIE LINKE, SPD und FDP sind dagegen klare Abweichungen für Wähler*innen des BSW zu verzeichnen. Im Vergleich zu anderen Wähler*innen, die FDP, SPD oder DIE LINKE bei der Bundestagswahl gewählt haben, sind sie deutlich stärker für eine Einschränkung der Einwanderung, wobei sich der Abstand zwischen den Gruppen im Zeitverlauf nicht auffällig verändert hat.
Im Hinblick auf die ökonomische Dimension (Abbildung 5) unterscheiden sich die BSW-Wähler*innen etwas geringer. Vor allem bei der AfD und SPD gibt es bezüglich der Befürwortung zum weiteren Ausbau des Sozialstaats kaum Unterschiede. BSW-Wähler*innen, die vormalig FDP gewählt haben, weisen dagegen eine etwas höhere Befürwortung auf. Bei der LINKEN fällt die Befürwortung für den Ausbau des Sozialstaats bei BSW-Wähler*innen im Vergleich zu den bei der Partei gebliebenen geringer aus. Diese Tendenz ist auch schon vor der Gründung des BSW sichtbar.
Fazit
Mit der Veröffentlichung aktueller Daten zur Europawahl im GLES Panel lassen sich beständige Unterschiede zwischen den Wähler*innen des BSW und denjenigen, die ihrer Wahlentscheidung zwischen Bundestagswahl und Europawahl treu geblieben sind oder zu anderen Parteien als dem BSW wechselten, aufzeigen. Diese waren schon vor der Gründung des BSW ausgeprägt. Neben der hohen Beliebtheit von Sahra Wagenknecht sind beim Thema Sozialstaat und noch stärker beim Thema Migration größere Unterschiede zu beobachten. Dass die Wähler*innen bereits zum Zeitpunkt der Bundestagswahl ausgeprägte Unterschiede in den Durchschnittswerten aufwiesen, könnte ein Indiz dafür sein, dass tatsächlich eine Repräsentationslücke vorlag.
Als längsschnittlich angelegte Studie birgt das GLES Panel besondere Potenziale für weitergehende Untersuchungen zum Wahlerfolg der neuen Partei BSW bei der Europawahl 2024, da Stabilität und Veränderung einer Vielzahl politischer Einstellungen hin zur Wahl erfasst worden sind. Beispielsweise können, neben den hier vorgestellten Variablen, politikwissenschaftliche Konzepte wie Demokratiezufriedenheit und Populismus genauso wie Einstellungen zu aktuellen politischen Ereignissen untersucht werden.
References
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